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PfeilJörg Seidel
 

Metachess

Zur Philosophie,Psychologie, Literatur des Schachs


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Philosophie und Schach verhalten sich zueinander wie zweieiige Zwil­linge - groß sind die Unterschiede, stärker noch die Gemeinsamkei­ten: Ernsthaftigkeit und spielerische Leichtigkeit auf der einen Seite, aber eben auch das Grenzen ans Transzendente und die Hoffnung, vollkommene Innerlichkeit zu erreichen. Kein Wunder also, dass ge­rade die Literatur, aber eben auch die Geisteswissenschaften sich des Schachspiels in immer neuen Anläufen annahmen.

In 32 Essays, Artikeln und Besprechungen versucht das Buch die Vielfalt der Beziehungen zu beleuchten und wagt sich an seinen ex­poniertesten Stellen auch ins Dickicht metaphysischer Spekulation, um der schachlichen Reflexion neues Land zu erschließen. Das Schach ist zu wichtig, als dass man es den gemeinen Schach­spielern überlassen dürfte.

Einleitung

Metachess - ein Kompositum aus Meta physik (Philosophie) und Schach - lautet der Titel einer Webseite, die im Jahre 2001 das Licht der virtuellen Welt erblickte. Seither erschienen dort mehr als 100 Artikel ganz unterschiedlicher Länge und Komplexität, die sich der Verquickung des Königlichen Spiels mit den Geisteswissenschaften widmeten. Unter den Rubriken "Philosophie/Psychologie", "Literatur" und "Polemik" wurde ein kultureller Rahmen um das Schachspiel gewebt, der im deutschsprachigen Raum seinesgleichen sucht, und auch im Ausland für Aufmerksamkeit sorgte. Oft streitbar und manches Mal gewagt, nicht selten auch mit ironischem Ton, aber stets seriös und fundiert, zur Diskussion und Kritik einladend, schrieb der Autor Texte für jene Schachfreunde, die im Spiel mehr als nur den Schlagabtausch der Figuren sehen. Die Schachwelt, die zu oft in ihrem eigenen Saft aus purer Eröffnungs- und Spielanalyse, aber auch aus internen Querelen kocht, braucht den Blick von außen. Das Schachspiel ist zu wichtig und zu schillernd, um es den gemeinen Spielern und Großmeistern überlassen zu können. Umgekehrt muss die Philosophie und kann die Literatur sich noch mehr des Schachs widmen, denn dessen geistige Möglichkeiten sind viel umfangreicher gespannt, als weit verzweigte Variantenbäume.

Ziel von Metachess war es, das philosophische Anliegen in verständlicher Form und mit sprachlicher Verve einer breiten Leserschaft zu vermitteln. Doch das Internet ist ein kurzlebiges und zu schnelles Medium, um langfristig relevante Fragen adäquat behandeln zu können. Mit dem vorliegenden Buch wird der Versuch unternommen, eine breitere und hoffentlich auch neue Leserschaft

dauerhaft zu erreichen. In ihm sind - passend zum Schach - 2 mal 16 Artikel versammelt, korrigiert, überarbeitet und, sofern notwendig, aktualisiert. Im ersten, dem philosophischen Teil werden u. a. schachrelevante philosophische Grundlagentexte interpretiert (MacIntyre, Deleuze, E. v. Hartmann), Schachphilosophien besprochen, Fragen zu modernetypischen Spielerscheinungen diskutiert; im zweiten, dem literarischen und literaturtheoretischen Teil, finden sich u. a. komplexe Metaphernanalysen (James Bond, Morgenstern, Jeffrey Archer), werden vergessene Texte wiederbelebt (David, Wieland), wesentliche Neuerscheinungen besprochen oder zeittypische Phänomene kritisiert (Harry Potter). Zudem bietet es einen bislang unveröffentlichten Beitrag.

Zur Philosophie und Psychologie des Schachs

011 Einleitung

013 Warum der Computer den Menschen nicht besiegen kann

023 Einige Gedanken zum so genannten Duell Mensch gegen Maschine

030 Beitrag zu einer spekulativen Metapsychik des Schachs

049 Wilhelm Junk: Philosophie des Schachs

072 Josef Seifert: Schachphilosophie

083 Gustav Schenk: Das leidenschaftliche Spiel

090 Eduard von Hartmann: Philosophie des Unbewussten

106 Alasdair MacIntyre: Der Verlust der Tugend

129 Hohepriester des Irrelevanten - Der Philosoph George Steiner über das Schach

143 Gedanken zur Ferne im Fernschach

147 Gamesmanship oder: Wie man beim Schach (nicht) bescheißt und (trotzdem) gewinnt

162 Gedanken über eine Aussage von Gilles Deleuze

168 Körperwelten. Innenansichten des Schachspielers

177 Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Kasparow und die FIDE-WM

185 Schachpsychologie. Über Erkenntnis, Vorstellungs­vermögen und Gefühle beim Schachspiel

201 Kritische Nachbemerkung zur DEM der Kinder. Eine Polemik

Zur Literatur des Schachs

211 Wie man einem Zentauren begegnet oder: Harry Potter und der Stein der Schachweisen

222 Schach ist Nonsens ist Schach oder: Christian Morgensterns Sprach- und Schachspiele

245 Jakob Julius David: Das königliche Spiel

257 Von Zeitkürzungs- und Ergetzungsspielen - Christoph Martin Wieland

267 Bond, James Bond. Der Spieler

304 Aufstieg und Fall des Jeffrey Archer

325 Das Tao des Schachs. Acheng: Der Schachkönig

349 Zhang Xiguo: Der Schachkönig

353 Henry Thomas Buckle - unvollendetes Portrait eines Dilettanten

364 Marcel Duchamp

379 Gerhard Willeke: Geschichte des deutschen Arbeiterschach

391 Icchokas Meras: Remis für Sekunden

395 Salome Thomas-El: I choose to stay. A Black Teacher Refuses to Desert the Inner City

401 Ich war ein schlechter Schüler. Makarenko und das Schach

408 Theaterstadl - O diese Schachspieler

414 Schach dem Schach

Jörg Seidel bereichert die Schachszene schon seit einigen Jahren mit sehr lesenswerten Beiträgen. Nachdem er längere Zeit in England gelebt hat, ist er nun wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Seither ist er als freier Schriftsteller tätig. In kurzen Abständen sind von ihm Spielen wir eigentlich Schach oder Krieg? Zur Bedeutung des Schachspiels im Werke Arnold Zweigs (2006) sowie die philosophische Kriminalgeschichte Der Tod des Diogenes (2008) erschienen. Sein neuestes Werk Metachess vereint 32 Beiträge, die er zuvor schon im Internet auf der Homepage von SK König Plauen veröffentlichte. Durch die Publikation haben Seidels Texte endlich den Weg aus dem virtuellen Hinterzimmer gefunden.

Was Seidel interessiert, findet sich im Untertitel: Der Zusammenhang zwischen Schach und Philosophie, Psychologie und Literatur. Nicht ganz erschließt sich dem Leser die Zweiteilung des Buches. Während sich die 2. Hälfte mit Literatur beschäftigt, geht es in der ersten um Philosophie und Psychologie. Wo Seidel sonst deutlich trennt, geht es hier willkürlich zusammen - vermutlich weil für ein eigenes Kapitel Psychologie zu wenige Beiträge vorhanden waren.

Seidel hat seine akademischen Fachgebiete mit seinem Hobby verknüpft. Seine durchweg profunde Kenntnis des Stoffes macht die Lektüre sehr kurzweilig. Die Themen sind weit gefächert. Überall spürt der Autor subtile Zusammenhänge auf und entwickelt unterhaltsame Gedankenspiele, zu denen er die Leser einlädt. Die Beiträge belegen, wie vielschichtig das Schachspiel jenseits der 64 Felder sein kann.

Der philosophische Teil entwickelt aus dem Schach heraus ungewöhnliche Assoziationen. Kleine Aspekte am Rande des Schachspiels werden Seidel Ausgangspunkt zu Sinnfragen der menschlichen Existenz. Das Schachspiel dient ihm als Vehikel zu Diskursen, die weit bedeutendere Fragen ins Zentrum ihrer Überlegungen stellen, als die Frage nach Sieg oder Niederlage. Der Autor unterzieht die drei großen deutschen schachphilosophischen Werke einer Kritik, bespricht philosophische Romane, oder setzt sich mit Hartmanns Philosophie aus dem 19. Jahrhundert auseinander, der zur Verdeutlichung des Wirkens des Unbewussten das Schachspiel wählte.

In seinem "Beitrag zu einer spekulativen Metapsychik des Schachs“ spürt Seidel der Grundfrage nach, warum wir eigentlich Schach spielen. Ausgehend von einem angestrebten Glücksgefühl, erlangt durch das Spiel, erhalten seine Betrachtungen rasch existentialistische Färbung und münden in das "Problem“ des Ichs und des Anderen. Schach ist ihm Abkehr von einer zu bunt gewordenen Außenwelt, die sich durch eine Flut von Bildern und Informationen konstituiert. Dem setzt der Schachspieler eine willentliche Reduktion entgegen: Schwarz und Weiß, Ich und Du. Das Ich entäußert sich im gemeinsamen Spiel. Das Schachspiel wird Seidel zu einem "schweigsamen Dialog der gegenseitigen Anerkennung als nahes DU, als je eigenes ICH, es ist ein beredetes Schweigen, dessen Botschaft die ontologische Gewissheit beinhaltet, selbst ein Anderer zu sein.“ Manchem Leser mag dieser Gedankengang zu kühn erscheinen, interessant ist er allemal.

An anderer Stelle entwickelt der Autor am englischen Begriff "gamesmanship“, für den es keine Entsprechung im Deutschen gibt, einen originellen Text. Die Wortschöpfung stammt von Stephan Potter und hat sich mittlerweile in die britische Umgangssprache eingeschlichen. Es bedeutet soviel wie: die Kunst zu gewinnen, ohne wirklich zu betrügen. Schon die Wortschöpfung an sich ist ein linguistisches Meisterwerk, weil es aus mehreren Bestandteilen besteht, die differenzierte Assoziationen hervorrufen - oder wie Seidel es ausdrückt: "Bedeutungsreichtum [...] erlang[t] durch den Mangel an Eindeutigkeit.“ Derjenige, der es im gamesmanship zur Meisterschaft bringt, weiß natürlich, dass eine Partie schon vor dem ersten Zug beginnt. Auf das Schach übertragen bedeutet das z.B., denkbar ungeeignete Kleidung zu tragen; die Kunst der Gesprächsführung zu beherrschen, den Gegner zu verunsichern, ohne dass er es merkt; oder auch gegen das Tempo des Gegners zu spielen. Der "gamesman“ ist ein "Vorkämpfer der permanenten Partie“, sagt Seidel.

Scheinbar banale Sachverhalte können dem Autor zum Gegenstand tiefsinniger Betrachtungen werden. Kasparows Äußerung, der WM-Sieg Ponomarjows von 2002 sei lediglich auf die damals von der FIDE eingeführte Zeitverkürzung zurückzuführen, dient ihm zur Erörterung grundsätzlicher Fragen, die das Schach in ihren Grundfesten betreffen. Welches ist der richtige Zeitmodus? Wer ist der wahre Weltmeister, wenn starke Spieler bei einer Beschleunigung des Spiels versagen?

Der Bereich Psychologie ist mit nur zwei Texten der am geringsten repräsentierte des Buchs. Der eine Beitrag ist eine kritische Betrachtung einer groß angelegten psychologischen Untersuchung an Schachspielern. Das italienische Projekt renommierter Fachleute versteigt sich jedoch zu einigen abenteuerlichen Behauptungen. Seidel nutzt die Gelegenheit, um die kargen Kenntnisse in diesem Bereich darzustellen. Über die frühen Arbeiten von de Groots und Krogius hinaus gab es keine wichtigen Publikationen mehr zu diesem Thema. Munzerts zu Unrecht gefeiertes "Standardwerk“ zur Schachpsychologie weist der Autor den Rang zu, den es verdient.

Der zweite Text zur Psychologie wirft einen polemischen Blick auf die schachliche Kinderförderung, durch die sich weniger, wie gerne behauptet, grundlegende positive Eigenschaften ausbilden, sondern vielmehr ehrgeizige Erwachsene verwirklichen.

Der dritte Teil des Buches ist ein Streifzug durch alle Gefilde der Literatur. Die triviale Abteilung ist Seidel genauso wert wie die hohe Kunst. Das Aufgebot reicht von Potter über Morgenstern bis zu Wieland. Seidels Texte machen deutlich, dass die Qualität des Ausgangspunktes unerheblich für die Qualität der Reflexion ist.

Populäre Figuren wie James Bond erscheinen bei Seidel in einem ganz neuen Licht. Eigentlich spielt Schach - wohlgemerkt nur - in den Büchern Flemings bis auf eine Ausnahme keine Rolle, "zumindest auf der ersten Handlungsebene“, wie Seidel anmerkt. Auf der Metaebene dagegen erlangt Schach Signifikanz: im Vokabular, in der Metaphorik und in den "Spielsituationen“ der Handlung, die an eine Partie erinnern. Und damit steht dieser Artikel Pate für das Gesamtkonzept des Buches. Der Rückbezug auf Flemings Biographie gibt den Überlegungen stets neue Impulse und treibt sie voran. Insgesamt ein gelungener Zugang zu einer Kultfigur, der sich wohltuend von populistischer Beredsamkeit abhebt.

Metachess führt das Schach aus dem engen Korsett der 64 Felder heraus und regt zu einem Diskurs jenseits der kompetitiv-sportlichen Auseinandersetzung an. Kurz: Eine gelungene Horizonterweiterung.

Mit freundlicher Genehmigung

Harry Schaack, KARL 3/2009

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"Das Schachspiel ist viel zu wichtig und zu schillernd, um es den gemei­nen Spielern und Großmeister über­lassen zu können. Umgekehrt muss die Philosophie und kann die Litera­tur sich noch mehr des Schachs wid­men, denn dessen geistige Möglich­keiten sind viel umfangreicher ge­spannt, als weit verzweigte Varian­tenbäume." (Einleitung S. 11). Diese dezidierte Meinung vertritt der Au­tor Jörg Seidel, der Philosophie und Psychologie, Literaturwissenschaft und Geschichte studiert hat und be­reits mit einigen Veröffentlichungen hervorgetreten ist, so etwa mit sei­nem Werk über die Bedeutung des Schachspiels im literarischen Schaf­fen Arnold Zweigs "Spielen wir ei­gentlich Schach oder Krieg?" (wel­ches seinerzeit auch hier in der Ro­chade besprochen worden ist).

Ziel seines neuen Buches "Metachess" ist es, schachphilosophische Ansätze und Schachbezüge in der Literatur aufzuzeigen und zu inter­pretieren, wobei er jedem Thema je 16 Aufsätze und Besprechungen widmet, welche im vergangenen Jahrzehnt entstanden sind,

1. Teil: Zur Philosophie und Psycho­logie des Schachs (S. 13-208): Ganz dem Zeitgeist geschuldet, beginnen die Ausführungen des Autors mit Gedanken zum Schachduell Mensch - Computer, befassen sich dann mit verschiedenen schachphilosophi­schen Versuchen von Wilhelm Junk, Josef Seifert, Gustav Schenk, Edu­ard von Hartmann, Alasdair MacIntyre und Georg Steiner, um später aufzugreifen zum Fernschach, zum plastinierten Schachspieler des Prä­parators Günther von Hagens, zur FIDE-WM (1993 bis 2006), zu psy­chologischen Aspekten (Erkenntnis, Vorstellungsvermögen und Gefühle beim Schachspiel), und mit höchst kritischen Gedanken zur Deutschen Meisterschaft der Kinder zu enden.

2. Teil: Zur Literatur des Schachs (S. 209-249): Hier wartet Seidel aber­mals mit einem Zugeständnis an den Mainstream auf, erforscht er doch gewissenhaft schachliche Bezüge bei Harry Potter und James Bond, aber auch beim englischen Allrounder Jeffrey Archer. Zudem bemüht er Christian Morgenstern, Jakob Ju­lius David, Christoph Martin Wie­land, und sieht sich auch im Fernen Osten beim Chinesischen Schach um. Zurückkehrend beleuchtet er die Charaktere Henry Thomas Buckle und Marcel Duchamp, streift die Ge­schichte des deutschen Arbeiter­schachs und erörtert vielfältige pä­dagogische Bezüge. Abschließend lässt er sich unter dem Titel "Schach dem Schach" über den ausufernden Ge- und Mißbrauch der Schach-Me-tapher in der Gegenwart aus.

So philosophiert, psychologisiert, interpretiert, spekuliert, kritisiert, polemisiert, räsoniert und bewertet der Verfasser in kaleidoskopisch bunter Folge, was das Zeug hält, und vermittelt in durchaus kenntnis- und geistreicher Diktion dem aufmerksa­men Leser, der nicht nur an den neu­esten Eröffnungsvarianten interes­siert ist, viele neue Einsichten über das Schach und - fast noch wichtiger - regt ihn zum selbständigen Nach-und Weiterdenken an. Also ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes Buch, nicht nur wegen der Vielzahl seiner Themen!

Und auch überehrgeizigen Jung­spunden schreibt er mancherlei ins Stammbuch, so etwa das Statement des holländischen GM Loek van Wely: "You don't have to be a complete asshole to get to the top, but it helps." (Zitat S. 158).

Mit freundlicher Genehmigung

Dr. W.Schweizer, Rochade Europa 6/2009

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Metachess" - eine eigenwillige Namensgebung für ein Buch, für ein Buch in Sachen Schach. Der Autor Jörg Seidel hat die aus dem Altgriechischen stammende Wortsilbe "meta", was soviel wie "danach, hinter, jenseits" heißt, mit dem englischen Wort "chess" für Schach kombiniert. "Metachess" erweitert die Metaphysik auf das Schach, auf die klassischen Fragen zum Schachspiel. "Was ist Schach?" dürfte die Grundfrage sein.

Metachess ist kein Lesebuch, es ist eine Einladung zur tiefen und auch anstrengenden Auseinandersetzung mit Dingen, die mit Schach in Verbindung stehen, und Dingen, für die Schach steht. Dabei aber ist Metachess doch auch wieder ein Lesebuch, denn manche Beiträge werfen nur ein Licht auf sonst vielleicht dem Vergessen geweihte Episoden.

Damit sind wir beim Aufbau des Werkes. Es enthält 32 in sich geschlossene "Essays, Artikel und Besprechungen", um den Rückentext zu zitieren. Diese sind so vielfältig und verschiedenartig, wie schon die Einzeltitel versprechen. Eine kleine Auswahl:

- Warum der Computer den Menschen nicht besiegen kann

- Schachphilosophie

- Gedanken zur Ferne im Fernschach

- Körperwelten. Innenansichten des Schachspielers.

- Bond, James Bond. Der Spieler.

- Geschichte des Deutschen Arbeiterschach

- Theaterstadl - O diese Schachspieler.

Die letztgenannte Besprechung eines nicht bedeutenden Theaterstückes müsste man vielleicht nicht in dieser Aufstellung hervorheben, enthielte sie nicht eine Partiestellung, die nun gerade den Rezensenten fasziniert. "Weiß im Schachmatt stehend zieht dennoch und setzt in 2 Zügen matt". Geht nicht, mag man meinen. Geht! Auf die Regelinterpretation kommt es an. Metachess wirft auch einen Blick hinter die Kulissen.

"Schwere Kost" findet der Leser in "Warum der Computer den Menschen nicht besiegen kann". Ihr besonderer Reiz liegt in der Logik der Untersuchung und der eigenen Überlegungen auf die philosophisch interessanten Fragen "Was macht der Computer, wenn der Mensch mal eine Schachregel ändern sollte?" und "Wie wirkt es sich auf den Wettstreit Mensch/Computer aus, wenn der Mensch eine fundamental neue und bessere Schachstrategie entdecken sollte?".

Besondere Herausforderungen sind Beiträge wie "Beitrag zu einer spekulativen Metapsychik des Schachs" und "Wilhelm Junk: Philosophie des Schachs" und weitere. Schwer zu lesen, schwer zu verstehen, interessant und das Verständnis erweiternd.

Aufgrund der eigenen schachlichen Orientierung fand der Beitrag "Gedanken zur Ferne im Fernschach" die besondere Aufmerksamkeit des Rezensenten. Jörg Seidel setzt die Entwicklung des Fernschachs aus dem Nahschach mit der Entwicklung der Kriegswaffen zu solchen mit Ferneinsatz und Fernwirkung in Beziehung. Er sieht es als natürlich an, dass ein Fernschachspieler unerlaubte Hilfsmittel einsetzt ("Man sollte also von vornherein vom Fernschachspieler nicht erwarten, auf den Gebrauch unerlaubter Hilfsmittel zu verzichten, ebenso wenig wie man vom modernen Kanonier auf unmittelbare Nächstenliebe hoffen darf (S. 145))". Der Fernschachspieler aber muss hier den Autor der verkürzten Betrachtung rügen, vermisst er doch die Erörterung des philosophischen Auswegs, nämlich der Adelung aller Hilfsmittel. Der charakterlich ungefestigste Mensch, der geborene Schummler, der sich auf Kosten anderer zu profilieren trachtende Egomane ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, wenn es keine verbotenen Hilfsmittel gibt. Wogegen sollte er verstoßen, wenn es nichts zum verstoßen gibt?

Es ist unmöglich, im Rahmen dieser Besprechung alles zumindest anzureißen, was zu einer Erwähnung reizt, denn zu vielseitig, zu vielgestaltig und zu komplex sind die auf 428 Seiten erstreckten Inhalte. Den Abschluss der Rezension soll der letzte Beitrag im Buch selbst bilden, "Schach dem Schach" betitelt. Seidel untersucht darin die Verbreitung des Schachspiels als Metapher und urteilt, dass es hierüber sogar seinen größten Erfolg feiere. Er bildet eine lange Reihe von Buchtiteln, in denen irgendjemandem oder -etwas Schach geboten wird. Sinnige und unsinnige Schachgebote gibt es auf dem Brett und in Buchtiteln. Man erkennt die gleichartige Motivation: Hauptsache Schach!

Noch ein Wort zum Erscheinungsbild des Buches. Hier hat der Verlag Hervorragendes geleistet und mit äußerster Akribie gearbeitet, so dass das Schriftbild ein ästhetischer Genuss ist. Von klassischen Setzfehlern ist nichts zu finden (Zeilenabstände, Trennungen, Buchstabenabstände, Fonts etc) - hieran könnten sich selbst berühmte Verlage mit großen Auflagen ein Beispiel nehmen. Da hat sich jemand Zeit gelassen und das sieht man.

Metachess ist eine gute Partie!

Mit freundlicher Genehmigung

Uwe Bekemann, Deutscher Fernschachbund

www.bdf-fernschachbund.de




Price: 
 
Article number:
LXSEIMET
 
Category:
Pfeilchess psychology
 
Language:
German
 
Publisher:
PfeilCharlatan
 
ISBN-10:
 
ISBN-13:
9783937206073
 
width: 
14.8 cm
 
height: 
21.0 cm
 
weight: 
0.580 kg
 
Jörg Seidel: Metachess
426 pages, paperback, 2009.
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