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LXVIDGSZ
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Goldene Schachzeiten

280 Seiten, kartoniert, Beyer, 4. Auflage 2015

24,80 €
Inkl. 5% MwSt., zzgl. Versandkosten

Mit Milan Vidmars Erinnerungen tauchen wir ein in ein längst vergangenes, "goldenes“ Zeitalter des Schachs, das den Leser noch heute in seinen Bann zieht. In seinen Schilderungen werden die alten Schachlegenden wieder lebendig, die die großen Turniere im Zeitraum 1900 bis 1940 dominiert haben und mit denen er sich am Brett so manchen Kampf geliefert hat. 35 Partien und Partiefragmente, meist mit eigener Beteiligung und von ihm selbst mit luziden Kommentaren versehen, sind eingebettet in Erzählungen, die die faszinierende Atmosphäre in den Turniersälen und Schachcafés jener Tage widerspiegeln. Es sind nostalgisch anmutende Memoiren, die aber keineswegs frei sind von kritischen Gedanken, etwa wenn Vidmar über Auswüchse und Entartungen des Spitzenschachs in der Nachkriegszeit sinniert. Seine Ausführungen sind von bemerkenswerter Weitsicht, und manche seiner Befürchtungen und Klagen haben bis heute ihre Berechtigung nicht verloren.

Dieses fesselnde Alterswerk Vidmars, ein gutes Jahr vor seinem Tod erschienen, ist ein unvergänglicher Klassiker der Schachliteratur und eine unverzichtbare Lektüre für den historisch interessierten Schachfreund. Zeitzeugen, die über die besagte versunkene Ära des Schachs authentisch berichten könnten, sind längst ausgestorben. Vidmar war einer der letzten, und er gehörte zu den Wenigen, die vorzüglich schreiben und dabei glänzend unterhalten konnten. Auch Sie sollten nicht zögern, sich in die "goldenen Schachzeiten“ entführen und verzaubern zu lassen!

Weitere Informationen
Gewicht 330 g
Hersteller Beyer
Breite 14,8 cm
Höhe 21 cm
Medium Buch
Erscheinungsjahr 2015
Autor Milan Vidmar
Sprache Deutsch
Auflage 4
ISBN-13 978-3959200097
Seiten 280
Einband kartoniert

009 Zum Geleit

011 Vorwort

015 Nottingham 1936

027 Ein gewaltiges Ringen um die Weltmeisterschaft

059 Die Schachsirene

088 Erinnerungen an S. Tarrasch

104 Das Berufsschachmeisterproblem

144 Die den großen Meistern tickende Uhr

172 Das Fallenstellen in der großen Schachpartie

197 Das Ende eines Weltmeistertraumes

247 Ist das heutige hohe Schach krank ?

Zur Vorbereitung dieser Rezension habe ich das Werk "Goldene Schachzeiten“ mit dem Untertitel "Erinnerungen“ von Milan Vidmar komplett durchgearbeitet. So ist es zu erklären, dass deren Abschluss etwas auf sich warten lassen hat, denn die jetzt aktuelle 4. Auflage ist bereits im fortgeschrittenen Jahr 2015 auf den Markt gekommen. Damit wird ein Klassiker im Joachim Beyer Verlag als Imprint des Schachverlags Ullrich wieder neu verfügbar.

Milan Vidmar, geboren 1885 und gestorben 1962, war nie Schachprofi, und doch zählte er in seinen besten Zeiten zur Weltspitze. Er hat mit den größten Meistern der Vergangenheit gerungen und ihnen oftmals auch die Grenzen aufgezeigt. Von Beruf war er Ingenieur der Elektrotechnik und dann auch Hochschullehrer. Geld verdient hat er auch als Autor, "Goldene Schachzeiten“ war sein letztes Buch.

Wer wie Vidmar über Jahre hinweg aktiv und intensiv ins Turniergeschehen eingebunden war, kann viel erzählen. Und genau das macht er in "Goldene Schachzeiten“. Er hat sehr viele Schachgrößen kennen gelernt, am und auch abseits des Brettes. Er berichtet von Freundschaften und persönlichen Abneigungen, von generösem Verhalten und unschicklichem Tun, von meisterhaften Einfällen bis groben Patzern – schlicht, er berichtet von allem.

Das Werk ist in neun Kapitel gegliedert. Das Inhaltsverzeichnis sieht diesbezüglich wie folgt aus:

1. Nottingham 1936

2. Ein gewaltiges Ringen um die Weltmeisterschaft

3. Die Schachsirene

4. Erinnerungen an S. Tarrasch

5. Das Berufsschachmeisterproblem

6. Die den großen Meistern tickende Uhr

7. Das Fallenstellen in der großen Schachpartie

8. Das Ende eines Weltmeistertraumes

9. Ist das heutige hohe Schach krank?

Mehrere Kapitel bedürfen ein paar weiterer Worte, damit sich der Leser dieser Rezension etwas darunter vorstellen kann bzw. einen Anhalt findet, worum es darin geht.

Im 3. Kapitel geht es um Lockungen und Verführungen des Schachspiels. Es geht darin also nicht um die Sirene als technisches Gerät auf den Dächern des Landes, sondern um Sirengesänge nach mythologischem Vorbild.

Milan Vidmar zählte zu den Bewunderern Siegbert Tarraschs. Und doch hat er sich dessen Ungnade eingefangen, als er in einer für ihn gewonnenen Stellung ein Remisangebot des großen Lehrmeisters abgelehnt und ihn dann geschlagen hat. Die Erinnerungen des Autors sind ambivalent, aber nicht nachtragend.

Samuel Reshevsky – dessen Identität wird aber erst im Verlauf des 6. Kapitels gelüftet – schlug als angeblich erst Fünfjähriger alle Gegner, die ihm am Brett gegenüber Platz nahmen. Alle, nein, nicht alle, denn Vidmar machte dem Lauf ein Ende, ganz zur Enttäuschung des Kindes. Das Alter und dessen Auswirkungen auf die Spielstärke ist ein Kernpunkt aus den Erinnerungen Vidmars, die in diesem Kapitel dem Vergessen trotzen.

Die über dem 9.Kapitel thronende Frage, ob das heutige hohe Schach krank ist, ist aus der Sicht unserer Tage wie das Anschauen des Spielberg-Klassikers "Zurück in die Zukunft“. Vidmar konnte die Entwicklung des Schachspiels natürlich nicht vorausschauen, aber er haderte etwas mit Dingen, die heute nicht nur Realität, sondern auch völlig normal sind. Er sinniert über Bedenkzeitregeln, den "Unfug des Sekundantenwesens“, über das Fernschachspiel und einiges mehr.

Besonders haben mich seine Gedanken zum Fernschach interessiert. Im Ergebnis stellt er für sich fest, dass die Fernschachspieler kein besseres Schach als die Spieler am Brett spielen, sie diesen nicht wirklich ebenbürtig sind und das Fernschachspiel wichtige Fähigkeiten des Brettschachs, z.B. das Rechenvermögen mittels Vorstellungskraft, nicht abverlangt. Und er berichtet über seine eigenen Fernschach-Erfahrungen.

Man muss Vidmar nicht in allen Punkten zustimmen, aber man kann ihm nicht absprechen, an Nahtstellen von kontroversen Sichtweisen angesetzt zu haben.

"Goldene Schachzeiten“ ist ein gelungenes Potpourri aus Berichten und Erzählungen und 35 kommentierten Partien und Partiefragmenten. Das Werk ist höchst unterhaltsam und vermittelt den Eindruck der allzeit authentischen Darstellung. Viel davon betrifft natürlich das Leben und das Wirken Milan Vidmars selbst, aber seine Ausführungen sind zugleich ein weit geöffnetes Fenster in vergangene (Schach-)Zeiten, die vielleicht goldener waren als heute, vielleicht aber auch nicht.

Fazit: "Goldene Schachzeiten“ ist ein Buch, das ich demjenigen wärmstens empfehlen kann, den auch die historische wie die nostalgische Seite des Schachspiels fasziniert. Milan Vidmar hat als Zeuge der Zeitgeschichte Wichtiges, Interessantes oder auch "nur“ Unterhaltsames für ihn zusammengetragen und nett, teilweise auch brillant in Worte gefasst.

Uwe Bekemann

Fernschachpost 6/2016


Rezensionen zu früheren Auflagen:

Der slowenische GM Prof. Dr. Mi­lan Vidmar (1885-1962) war nicht nur einer der weltbesten Schachspie­ler in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, sondern auch als lang­jähriger Dekan der Universität sei­ner Heimatstadt Ljubljana einer der weltweit führenden Experten auf dem Gebiet des Transformatoren-Wesens.

Im Jahre 1962, als altersweiser 75-Jähriger und zwei Jahre vor seinem Tod, hat er sein persönliches Erinne­rungsbuch "Goldene Schachzeiten" herausgegeben, welches einerseits seine eigene schachliche Biographie im Zeitraum von 1900 bis 1950 umfasst einschließlich seiner zahllosen Begegnungen mit allen Koryphäen der damaligen Epoche, zum anderen aber auch kritische Gedanken zum Berufsspielertum und zur Entwick­lung des Spitzenschachs aus seiner damaligen Sicht enthält.

Hier ein kurzer Abriss des überaus reichen Inhalts der neun Kapitel (mit den Originalüberschriften):

1) Nottingham 1936 (S. 1-12): ein Rückblick auf das Fünf-Weltmeistertumier.

2) Ein gewaltiges Ringen um die Weltmeisterschaft (S. 13-36): dieses Kapitel beschreibt die jahrzehntelan­ge Konkurrenz zwischen Lasker und Tarrasch.

3) Die Schachsirene (S. 37-65): der Verfasser schildert seine Anfänge im Königlichen Spiel.

4) Erinnerungen an S. Tarrasch (S. 66-81): der "Praeceptor Germaniae" war immer Vidmars großes Vorbild.

5) Das Berufsschachmeisterproblem (S. 82-121); der Autor hatte jederzeit sein festes berufliches Standbein in der Elektrotechnik, sah jedoch sehr klar die Nöte der alternden Schach­profis, etwa bei Akiba Rubinstein.

6) Die den großen Meistern tickende Uhr (S. 122-149): nach Vidmars Be­obachtungen erlebte ein großer Spie­ler mit etwa 25 Jahren seine "Leis­tungsexplosion" (Ausnahmen bestä­tigen die Regel, etwa die ehemaligen Wunderkinder Capablanca und Reshewsky) und überschritt mit 40 Jah­ren seinen Zenit. Dies mag heutzuta­ge noch für Amateure zutreffen, die Großen in Caissas Reich sind jedoch inzwischen erheblich früher dran...

7) Das Fallenstellen in der großen Schachpartie (S. 150-174): die ethi­sche Rechtfertigung der Fallen mu­tet vom heutigen Standpunkt aus ge­radezu rührend an...

8) Das Ende des Weltschachmeistertraumes (S. 175-258): Vidmar hatte Jahrzehnte lang vom Titel geträumt, nahm jedoch um 1930 von diesen Gedanken Abschied; parallel dazu beschleunigte sich sein beruflicher Aufstieg.

9) Ist das heutige hohe Schach krank? (S. 225-258) Gefahren sah der Autor damals hauptsächlich im Sekundanten-Unwesen und im "Re­mis-Schieben".

Das überaus authentische und in­haltsreiche Werk wird noch zusätz­lich bereichert durch 35 Partien und Partie-Aussschnitte (fast alle unter Beteiligung des Verfassers) sowie durch mehrere zeitgenössische Ab­bildungen (zwischen den Seiten 18 und 19); seine genussvolle Lektüre kann allen Schach-Nostalgikern nur mit großem Nachdruck anempfohlen werden!

Vidmar, der es auch als Internationa­ler Schiedsrichter zu hohem Anse­hen brachte - so fungierte er z.B. beim Matchturnier um die WM 1948 als oberster Referee - , war zeitlebens einem gründlichen Studi­um der Eröffnungen abhold. So kam es, dass er gelegentlich einen seiner großen Konkurrenten mit originellen Eröfmungs-Ideen überraschte: Vidmar - Nimzowitsch, Kandida­tenturnier New York 1927, "Urkataloniscbe Eröffnung": 1.d4 Sf6 2.Sf3 e6 3.g3 d5 4.Lg2 Sbd7 5. 0-0 Ld6 6.b3 c6 7.Sbd2 0-0 8. Lb2 De7 9.c4 b5 10.Se5! L:e5 11.d:e5 Sg4 12.e4! S:e5 13.e:d5 e:d5 14.c:d5 c:d5 15.L:d5 Tb8 16. Te1 Dd6 17.Sf3! S:f3+ 18.D:f3 Kh8 19.Tac1 Tb6 20.T:c8! T:c8 21.D:f7 Dg6 22.D:d7 1:0 (S. 256 f., dort mit kurzen Anmerkungen). "Ein schrecklicher Zusammen­bruch", sagt Aljechin im Turnierbuch. In diesem Stil verliert ein gro­ßer Meister selten eine Partie, Nimzowitsch war aber eigentlich schon beim 10. Zug verloren. Kann man überhaupt noch fragen warum? War es nicht meine Eröffnung, die in kei­nem Buche stand, die den großen Nimzowitsch in den Abgrund getrie­ben hatte?" (Zitat S. 257).

P.S. Die Edition Mädler im Beyer Verlag bringt beliebte, jedoch lange vergriffene Schachbücher in limi­tierter Auflage neu heraus. Die "Goldenen Schachzeiten" sind der erste Band dieser Reihe, welche in unregelmäßigen Abständen fortge­führt werden soll.

Mit freundlicher Genehmigung

Dr. W. Schweizer, Rochade Europa 8/2007

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Was ist ein Klassiker? Diese nicht einfache Frage versuchte für den Bereich der Literatur u.a. T. S. Elliot (Ausgewählte Essays 1911-1947, Suhrkamp, Frankfurt 1950) zu be­antworten. Kennzeichnet das Wört­chen "klassisch" einfach grundle­gende Autoren, oder eine Kunst­ bzw, Literaturgattung? Sind damit bestimmte Eigenschaften des Wer­kes umschrieben wie "Reife des Geistes, Reife der Sitten, Reife der Sprache und Vervollkommnung des gemeinverbindlichen Stils"? Bezieht sich "klassisch" auf die eigene Spra­che oder ist es ein universeller Begiff? Solche Fragen stellte sich Elliot in genanntem Essay. Erwarten sie hier nun jedoch keine nähere Zusammenfasaung oder gar eine Beant­wortung der Frage "Was ist klassisch". Eher soll angedeutet werden, wie problematisch im Grunde doch das Prädikat "ein Klassiker" ist. Das gilt freilich auch für den Bereich der Schachliteratur. Und dennoch spricht man auch hier ganz gerne mal von "Klassikern" der Schach­buchliteratur. So würden wahrscheinlich viele z.B. die Turnierbü­cher Aljechins "New York 1924" und Bronsteins "Zürich 1953" zu den Klassikern rechnen. Hervorra­gend besetzte Turniere, erstklassige Partiekommentare, zwei einleuch­tende gewichtige Gründe. Auch un­ter den Partiensammlungen würden wir wohl leicht "Klassiker" ausma­chen können. Im Bereich der mehr textlastigen Biographien fallt da die Wahl schon schwerer. Hannaks Lasker-Biographie (die auch viele Par­tien enthält) kommt mir auf Anhieb in den Sinn, auch Kortschnois " Ein Leben für das Schach" oder Kasparows "Politsche Partie", bekannte Bücher gewiss, aber "Klassiker"? Wenn man den Begriff im Sinne ei­ner Auszeichnung überhaupt verge­ben soll, dann in dieser Sparte für mich persönlich vielleicht am ehes­ten für Vidmars 1951 geschriebene "Goldene Schachzeiten". Gewiss, seine Erinnerungen an die Schach­szene der ersten Hälfte des 20. Jahr­hunderts sind sehr persönlich und subjektiv, aber gerade deswegen auch sehr lebendig und wo sonst noch lässt ein Zeitzeuge diese Schachepoche so wieder auferste­hen, als würden wir sie miterleben? Auch wenn so mancher Schachspie­ler nur an Theorie und Partien inte­ressiert ist, mehrere deutschsprachi­ge Auflagen (1960, 1981 und jetzt 2006) für ein Buch mit "nur knapp über 30 Partien" lassen schon etwas von der Faszination erahnen, die von Vidmars Schilderungen ausgehen muss. Ob Klassiker oder nicht, je­denfalls liegt ein wertvolles und in­teressantes Zeitzeugnis vor und wohl nicht zufällig wurde dieses Buch als erster Band für die neue Edition Mädler im Beyer-Verlag ausgewählt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, beliebte, aber schon lange vergriffene Schachbücher noch einmal herauszubringen.

Drei Schwerpunkte kann man bei Vidmars Werk ausmachen. Einmal die Darstellung der eigenen Turnier­laufbahn mit ihren Höhen und Tie­fen und mit all den dabei gesammel­ten Erlebnissen und Erfahrungen. Dann die Erinnerung an viele Meis­ter und Turniere der damaligen Zeit und schließlich die Beschäftigung mit allgemeinen Fragen des Schach­spiels und des Schachmeisterberu­fes. Freilich sind diese drei Schwer­punkte nicht voneinander zu trennen und Vidmar verwebt diese auch ge­schickt miteinander.

Doch beginnen wir mit dem Autor. Sein Lebenslauf verrät nämlich nicht wenig, wovon wir in seinem Buch erfahren. Milan Vidmar wurde am 22.6.1885 im slowenischen Ljubljana geboren und studierte nach der Schulausbildung in Wien an der Technischen Hochschule. Trotz sei­ner Liebe zum Schach schloss er im Gegensatz zu seinen Freunden wie Reti und Tartakower seine Ausbil­dung ab, wurde Elektrotechniker und Fachspezialist für Transforma­torenbau, schließlich gar Universitätsprofessor in seiner Heimatstadt Ljubljana. Damit war er einer der wenigen führenden Schachmeister mit Amateurstatus. Seine Schach­laufbahn begann im Grunde mit dem Turnier 1904 in Coburg, wo er mit Nimzowitsch, Spielmann, Duras, Cohn, Balla und Neumann um den Meistertitel kämpfte. Mit 13,5 Punkten aus 16 Partien siegte Vid­mar punktgleich mit dem Wiener Neumann, verlor aber den Stich­kampf und so blieb ihm der ersehnte Meistertitel vorerst noch versagt, ebenso wie in Barmen 1905, als er knapp hinter Duras und Rubinstein Dritter wurde und feststellen musste, dass nun beide Sieger ohne Stich­kampf den Meistertitel erhielten. Dank der Fürsprache von Tarrasch durfte Vidmar 1906 aber am 15. Kongress des deutschen Schacbbundes teilnehmen, wo er zusammen mit Tarrasch mit 7,5 Punkten hinter Marshall (12,5) und Duras (11,0) im Mittelfeld landetete und so endlich den Meistertitel erwarb. 1907 wurde er hinter Mieses zusammen mit Maroczy und Tartakower geteilter Dritter, was ihm wohl die Einladung zum großen Turnier in Karlsbad ein­brachte. Dort belegte er hinter Ru­binstein (15,0), Maroczy (14,5), Leonhardt (13,5), Nimzowitsch und Schlechter (12,5) mit 12,0 Punkten den 6. Platz unter 21 Teilnehmern. Soweit die Anfangsjahre des Schachmeisters Vidmar.

Weitere bedeutende Stationen waren etwa der mit Rubinstein geteilte zweite Platz hinter Capablanca in San Sebastian 1911, ein Turniersieg in Budapest 1912 nach Stichkampf vor Maroczy, ein zweiter Platz hin­ter Aljechin beim Turnier in Mann­heim 1914, das wegen des ersten Weltkrieges nicht beendet wurde, der Sieg im Viererturnier Berlin 1918 vor Schlechter, Mieses und Rubinstein, Platz zwei in Kaschau 1918 hinter Reti, aber vor Breyer und Schlechter, der dritte Platz hin­ter Capablanca und Aljechin beim stark besetzten Turnier 1922 in Lon­don. Im Anschluss dieses Tumieres verfasste Weltmeister Capablanca "das Londoner Statut" mit Bedin­gungen für einen WM-Kampf, das er einige Teilnehmer des Turniers, darunter Vidmar unterschreiben ließ. Darin ging es u.a. um eine Garantie­summe von 10.000 Dollar für den Wettkampf. Damit war im Grunde genommen der WM-Traum für Vid­mar ausgeträumt, denn wo sollte er solch eine Summe auftreiben. Auch Aljechin hatte große Mühe damit und musste sich am Ende noch dem von Capablanca geforderten Kandi­datenturnier 1927 in New York un­terziehen, in dem er hinter Cpablanca Zweiter wurde, sich für den Wett­kampf qualifizierte und, für viele überraschend, Capablanca 1927 schlug. Auch Vidmar war bei diesem Turnier dabei, spielte gemäß Alje­chin aber nicht mit gewohnter Stär­ke (noch 1926 wurde Vidmar nur knapp hinter Spiehnann und Alje­chin Dritter beim starken Semmeringer Turnier.) und wurde mit 50% Vierter, eineinhalb Punkte hinter Al­jechin und dem ersehnten zweiten Platz. Immerhin verlor er aber dabei nur den Miniwettkampf mit Capab­lanca mit 1,5:2,5, während er Nim­zowitsch 2,5:1,5 schlug und die an­deren Matches gegen Aljechin, Spielmann und Marshall unentschie­den gestaltete. Doch auch Vidmar selbst räumt ein, dass 1927 langsam der Abstieg seiner schachlichen Leistungskraft begann. Zudem macht sich der Amateurstatus be­merkbar, denn Vidmar kann meist nur in seinem Urlaub spielen. 1927 in London wird er noch Vierter hin­ter Nimzowitsch, Tartakower und Marshall aber vor Bogljubow und Reti, 1929 beim großen Karlsbader Turnier geteilter 5-7. hinter Nimzowitsch, Capablanca, Spielmann und Rubinstein, 1930 in San Remo nur 8. hinter Sieger Aljechin, 1931 spielt er am Spitzenbrett für Jugoslawien (Platz 4) bei der Schacholympiade in Prag. Turniersiege wie in Sliac 1932 zusammen mit Flohr vor Pirc und bei der jugoslawischen Meister­schaft 1939 gibt es dennoch, aber seltener. 1934 in Budapest wird er Achter hinter Sieger Lilienthal, beim großen Turnier in Nottingham 1936, wovon er im Buch berichtet, Neun­ter hinter den Siegern Botwinnik und Capablanca, beim Jubiläumsturnier in Laibach 1938 5-7. hinter Kostic und Szabo. Nach dem folgen­den zweiten Weltkrieg spielt er nur noch selten, interessant ist vor allem seine Teilnahme am schachgeschichtlich bedeutsamen Riesentur­nier zu Groningen 1946 (Platz 17 unter 20). Dafür wird er ein gefrag­ter Schiedsrichter und Turnierleiter (z.B. WM-Turnier 1948, mehrere Schacholympiaden). Auch sollte er­wähnt werden, dass Vidmar 1936/37 das große Turnier des internationa­len Fernschachbundes, dem man den Rang einer Weltmeisterschaft zubil­ligen kann, souverän vor Dr. Dyckhoff und Adam gewann (vgl. Knaak/ Starke, Ein langes Schachjahrhun­dert, S. 558). Vidmar starb am 9.10.1962 in Ljubljana. So weit eine kurze Würdigung des reichen Schachlebens Vidmars, das dieser aus seinem Blickwinkel auch zum Teil im Buch Revue passieren lässt.

So erzählt Vidmar wie er zunächst dem süßen "Sirenengesang" des Schachs erlegen ist. Der Vater lenkt den 12jährigen von nichtsnutzigen Spielen auf das wertvollere Schach, ohne zu ahnen, welche Leidenschaft er damit beim jungen Vidmar er­weckt. Dieser verschafft sich mit Mühe erste Schachbücher (vgl. S. 40 ff.), eine Miniaturensammlung, Dufresnes Lehrbuch des Schachspiels und dann die "Dreihundert Schach­partien" von Tarrasch , das er "stu­diert, als ob es ums Leben ginge". Tarrasch wird sein Idol. Später schreibt er von ihm, "von Tarrasch konnte man sehr viel lernen, weil er ein ganzes System der Mittelspiel­führung aufgebaut hat. Von Lasker konnte man nie etwas lernen, we­nigstens habe ich nie etwas gelernt. Der Grund ist einfach: man kann keine Einfälle lernen und Laskers Spiel war so voll von Einfällen, ... dass bis heute noch kaum irgendje­mand seine Partien übertroffen hat." Mit 15 ist der Lebensplan entwor­fen, Vidmar will Schachweltmeister werden, er lernt verschiedene Sprachen, damit er einmal als herumrei­sender Schachspieler gut zurecht kommen kann, er erwirbt - obwohl Gymnasiast - zuerst die Realschulabschlussprüfung, um ein Lebens­jahr für das Schach einzusparen. Das Technikstudium ab 1902 in Wien ist zunächst eigentlich nur Alibi, denn in Wien gibt es einen großen Schachzirkel und man kann viele Meister treffen, man kann sie z.B. beim großen Wiener Gambitturnier 1903 bewundern. In Wien erfährt er aber auch vom Hilferuf des notlei­denden Exweltmeisters Steinitz und nimmt daraufhin auch sein Technik­studium ernster und holt auch das Abitur nach. Das Problem des Berufsschachmeisters, der eben auch er­nährt sein will und nicht nur vom Glanz wunderbarer Partien leben kann, diskutiert denn Vidmar auch ausführlich ab S. 82. Was tun, wenn die Schacherfolge verblassen? Das Arbeitsleben ist viel länger als das Spielleben, gibt er zu bedenken und fürs Arbeitsleben wird er sich letzt­lich erfolgreich entscheiden. Eigene Erfahrungen spielen für diese Ein­sicht sicher auch eine Rolle, denn knapp an Geld muss er anfangs sein Abendbrot in Cafes durch Schach­spielen verdienen.

Ein weiterer Großteil des Buches gehört den Erinnerungen an all die Schachmeister, die Vidmar in Wien oder bei Turnieren traf. Natürlich ist seinem Lehrmeister Tarrasch ein Kapitel gewidmet, auch seine Freun­de wie Tartakower, Spielmann oder Maroczy kann man in Anekdoten und vielen Details näher kennenler­nen. Tschigorin, dessen letzter Tur­niergegner Vidmar war, Lasker, Schlechter, Mieses, Aljechin, mit dem Vidmar viele freien Partien spielte, Marshall, Reshewsky und Euwe, alle erfahren ihre Würdigung. Aber auch weniger bekannte Spieler kommen vor. Wussten Sie z.B., dass der 1880 in Bialystok geborene Dr. Julius Perlis, der in mehreren be­kannten Turnieren wie Barmen 1905, Ostende 1906, Wien 1908, St. Peterburg 1909 Karlsbad 1911, San Sebastian 1912 und Wien 1913 im­merhin gute Mittelplätze belegte (wobei er in Ostende seine Vorgrup­pe vor Marshall und Teichmann ge­wann), sich 1913 in den Inntaler Al­pen verstieg und erfror? Obwohl ihm viele andere Möglichkeiten of­fen standen, erlag auch er dem Sire­nengesang des Schachspiels, be­merkt Vidmar.

Bei den allgemeinen Überlegungen zum Schach werden verschiedene Themen erörtert wie etwa das schon erwähnte "Berufsschachmeisterpro­blem" oder die Entwicklung des Schachstils; Sinn und Unsinn von Hängepartien und Sekundantenwe­sen, die Zeiteinteilung oder die Be­rechtigung des Fallenstellens. Nicht mit allen Meinungen muss man übereinstimmen, aber allein von großen Wert ist schon das "sich an­regen lassen" zu mancher Fragestel­lung!

Der Inhalt des Buches wird in etwa auch noch an den Kapitelüberschrif­ten deutlich: 1 . Nottingham 1936 2. Ein gewaltiges Ringen um die Welt­meisterschaft 3. Die Schachsirene (Lockungen und Verführungen des Schachspiels) 4. Erinnerungen an S. Tarrasch 5. Das Berufmeisterpro­blem 6. Die den großen Meistern ti­ckende Uhr 7. Das Fallenstellen in der großen Schachpartie 8. Das En­de eines Weltmeistertraumes 9. Ist das heutige Schach krank? Leider fehlt im Anhang ein Personenindex, der gerade bei diesem Werk sehr nützlich wäre, sind doch viele Schachmeisterbiographien gestreift! Insgesamt ein wirklich schönes Er­innerungsbuch mit vielen liebevollen Details aus dem Schachleben der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts, der Epoche der Weltmeister Lasker, Capablanca, Aljechin und Euwe so­wie vieler Meister wie Bogoljubow, Janowski, Maroczy, Nimzowitsch, Pillsbury, Reti, Rubinstein, Schlech­ter, Spielmann, Tarrasch, Tartakower, Teichmann, Tschigorin und wie sie all heißen. Geistreich, manchmal humorvoll, manchmal nachdenklich geschrieben von einem Insider, mit 12 Fotos und ca. 30 kommentierten Partien garniert. Und irgendwie schon von der Thematik des Buches her halt doch ein "Klassiker"!

Helmut Riedl, Rochade Europa 2/2007

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Milan Vidmar lebte von 1885 bis 1962. Er war viele Jahre in der abso­luten Weltspitze und er war nahezu auf Augenhöhe mit den damaligen Weltmeistern Lasker, Capablanca und Aljechin.

Sein erstes internationales Turnier war der 15. Kongress des Deutschen Schachbundes in Nürnberg 1906. Be­reits 1908, mit erst 23 Jahren, wurde er in Prag dritter knapp hinter Schlechter und Duras aber vor Rubin­stein und vielen anderen großen Meistern.

Beim Superturnier in San Sebastian 1911 siegte Capablanca und wurde mit einem Schlag weltberühmt. Vidmar lag gemeinsam mit Rubinstein nur einen halben Punkt dahinter. Im Teilnehmerfeld waren u. a. Marshall, Schlechter, Tarrasch, Maroczy und Janowski. In London 1922 war er dritter hinter Capablanca und Aljechin. Beim für die Weltmeisterschaft wichtigen Turnier New York 1927 war er Vierter hinter Capablanca, Aljechin und Nimzowitsch, vor Spiel­mann und Marshall.

Vielleicht ist ihm der ganz große Wurf einfach deswegen nicht geglückt, weil er im Gegensatz zu fast allen anderen Konkurrenten stets berufstätig war, übrigens sehr erfolg­reich in der Elektrotechnik.

In späteren Jahren spielte er noch beim 'Fünf-Weltmeister-Turnier' (Lasker, Capablanca, Aljechin, Euwe, Botwinnik) in Nottingham 1936 und nach dem 2. Weltkrieg war er 1946 in Groningen dabei, als das Schachleben wieder erwachte. Als 61-jähriger Amateur konnte er die Sieger Botwin­nik, Euwe und Smyslow natürlich nicht mehr gefährden. Als 1948 in einem langen Rundenturnier die Weltmeisterschaft ausgespielt wurde, war er Schiedsrichter und kürte am Ende Botwinnik zum Weltmeister.

Milan Vidmar konnte also sehr viel erzählen und er hat dies in seinem 1960 erschienenen berühmten Werk 'Goldene Schachzeiten' auch ausgie­big getan. Das informative und unter­haltsame Buch enthält außerdem 30 kommentierte Partien. Dank der Edi­tion Mädler im Joachim Beyer Verlag ist es nun wieder erhältlich und wird sicher allen Schachfreunden gefallen, die sich mit der Geschichte des Schachspiels auskennen.

Wir freuen uns über die Ankündigung des Verlages, weitere vergriffene Schachbücher noch ein­mal herauszubringen.

Schach Markt 4/2006

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Schachbücher in deutscher Sprache erscheinen viel zu selten, die Blütezeit ist eindeutig vorbei. Bücher über Eröffnungen stellen teilweise eine Ausnahme dar, doch dominieren Publikationen in englischer Sprache.

Manfred Mädler tut etwas dagegen. Der Schach-Händler und Verleger kann wahrscheinlich nicht anders. Mit der Edition Mädler im Joachim Beyer Verlag hat er es sich zur Aufgabe gemacht, wichtige Schachbücher in kleinen Auflagen noch einmal herauszubringen. Milan Vidmars "Goldene Schachzeiten" ist der erste Band in dieser Reihe. Weitere Titel in unregelmäßigen Abständen sind geplant.

Mit der Neuauflage von Milan Vidmars "Goldene Schachzeiten", zuerst veröffentlicht im Walter de Gruyter Verlag 1960, wird dem Schach wieder etwas zurückgegeben, was dabei war, in Vergessenheit zu geraten. Über das goldene Zeitalter der Vorkriegszeit im Schach weiß ja heutzutage kaum jemand mehr etwas zu berichten. Es ist die Ära aus Stefan Zweigs "Schachnovelle", als es nur wenige Meister gab, und diese mit Ozeandampfern zu Turnieren nach New York reisten.

Milan Vidmar, Österreicher in Ungarn, Elektroingenieur und Schachgroßmeister, in der Jugend im Zweispalt zwischen Schachlaufbahn und bürgerlicher Karriere, ist ein ehrgeiziger, weltläufiger und reflektierender Autor. Manche sollen ihm eine gewisse Hochnäsigkeit nachgesagt haben, doch das spiegelt sich in seinen Erinnerungen nicht wieder. Das ist die besondere Qualität dieses Titels: Man braucht den Autor nicht zu mögen, um Gefallen an den Schilderungen wahrlich goldener Zeiten zu finden. Er tritt in seiner Persönlichkeit zurück und lässt vor allem den Inhalt sprechen.

Die Thesen, die Vidmar den Erinnerungen und Anekdoten über Aljechin, Tarrasch und Kollegen beistellt, sind immer noch sehr aktuell. Thesen zum möglichen Remistod im Schach, ferner die Frage, ob Schachprofessionalität überhaupt erstrebenswert ist und Überlegungen zur inflationären Abwertung des Großmeistertitels haben die Meister damals beschäftigt und sind auch heute noch relevant. Für heutige Leser spiegelt sich die gegenwärtige Situation des Schachs in diesen Punkten erstaunlich deutlich in der Vergangenheit.

Wie Michail Botwinnik war auch Vidmar als Elektro-Ingenieur erfolgreich, doch war Vidmar auch als Techniker ein Großmeister seines Fachs. Flüssig und getragen, elegant und erfrischend selbstbewusst zeigt sein Stil eine gesetzte Haltung der Welt gegenüber. Auch Partien gibt der Autor zum Besten, sich kokett rechtfertigend, aber wenn sich auch Tarrasch und Aljechin zu seinen Partien durchaus anerkennend geäußert haben, wird er sie auch mit Stolz präsentieren dürfen.

Trotz der Aktualität seiner Kernthesen stehen vor allem anderen die Erinnerungen im Vordergrund. "Wo sind meine Gefährten jener herrlichen Zeit der Schachgeschichte: Capablanca, Aljechin, Réti, Nimzowitsch, Bogojubow, Spielmann, Tartakower, Lasker, Tarrasch, Tschigorin, Schlechter, Pillsbury, Janowski, Maroczy? ( ... ) Ich bin also allem Anschein nach der letzte der heutigen Schachwelt erreichbare Berichterstatter aus der Schachepoche, die schon weit in der Vergangenheit begraben liegt. Hat es überhaupt einen Sinn, dass ich berichte, wird mir die heutige Schachwelt zuhören wollen?

Nun, ich glaube der Schachwelt nicht nur einen Bericht über den Zeitabschnitt, in dem ich im hohen Schach mitgewirkt habe, schuldig zu sein, ich muss sie auch warnen. Meine alten Augen sehen immer noch viel, sie wissen nicht nur, wie es war, sondern auch, wie es heute ist; meine gesammelten Erfahrungen lehren mich, dass das hohe Schach sehr lebendig war und noch ist, dass es als ein eigenartiges Lebewesen gesund und krank, blühend und verfallend sein kann, dass es seine Poesie, seine Philosophie hat, dass es Verführungen entwickelt, die ein menschliches Leben vergeuden wollen, andererseits aber unvergleichliche Genüsse bietet, wenn es rein genossen wird."

In der ersten Episode über das Turnier in Nottingham 1936 heißt es:

"Ich bin in diesen meinen Erinnerungsbildern ein wenig vom Weg abgewichen, und Aljechin steht immer noch in Nottingham, ein abgegriffenes Buch in der Hand, vor mir, vor uns, die wir etwas Interessantes erfahren sollten. Dass es eine Partie sein wird, war uns klar. Wir erwarteten eine Eröffnung, wie sie damals immer noch üblich war und niemand von uns dachte eigentlich an solche Eröffnungssprünge, wie sie Nimzowitsch erfand und vorführte. Wir sollten sehr bald enttäuscht bzw. überrascht werden. Aljechin, in der Pose eines hohen Priesters, fing an:

1.c2-c4

"Einen Augenblick", riefen wir fast einstimmig, "wer ist Weiß und wer ist Schwarz?" "Das werden Sie schon erfahren", sagte Aljechin. "Führen Sie nur schön die Züge aus."

Wir ließen uns beschwichtigen und schauten zu. Wir sahen die noch folgenden Züge bis zum 9. Zugpaar:

1. ... e7-e6 2. e2-e3 Sg8-f6 3. Sg1-f3 d7-d5 4. d2-d4 Lf8-e7 5. Sb1-c3 0-0 6. Lf1-d3 b7-b6 7. c4xd5 e6xd5 8. Sf3-e5 Lc8-b7 9. 0-0 c7-c5

"'Donnerwetter', sagte ich mir, das ist ja hypermodern' ( ... ) Ich weiß natürlich nicht, wie es Aljechins Zuschauern erging, aber ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass mir eine erstklassige Partie vorgeführt wird, die von beiden Seiten - wenigstens bis zum 30. Zug - auffallend sauber gespielt wurde. Selbstverständlich sah ich, dass Schwarz planmäßig einen mächtigen Angriff ins Rollen brachte, sah aber auch, dass Weiß auf dem Königsflügel Angriffsunternehmungen in Szene zu setzen verstand. Es war und ist auch heute, wenn ich diese Züge nachspiele, für mich ein erlesener Genuss zu beobachten, wie die Kampfwaage sich auf und ab bewegt und den Königsflügel gegen den Damenflügel in Geltung zu bringen versucht.

10.Lc1-d2 Sb8-c6 11.Se5xc6 Lb7xc6 12.Ta1-c1 c5-c4 13.Ld3-b1 b6-b5 14.Sc3-e2 b5-b4 15.Se2-g3 a7-a5 16.Tf1-e1 a5-a4 17.Sg3-f5 a4-a3 18.e3-e4 a3xb2 19.Tc1-c2 Lc6-a4 20.e4-e5 Sf6-e8 21.Dd1-g4 La4xc2 22.Lb1xc2 Ta8-a6 23.Sf5-h6+ Ta6xh6 24.Ld2xh6 Dd8-a5 25.Te1-f1 Da5xa2 26.Dg4-f5 g7-g6 27.Df5-d7 b4-b3 28.Dd7xe7 Se8-g7 29.Lc2-b1 c4-c3

"Nun sagen Sie aber doch endlich, Aljechin, wer das gespielt hat?" schrien wir, als er beim 29. Zuge angelangt war. Aljechin hatte ein feines Lächeln aufgesetzt. Auch eine Kunstpause hatte er eingeschoben, aber schließlich sagte er mit seltsamer Betonung: "Das, meine Herren, was Sie eben vorgeführt bekamen, ist der Anfang der Partie zwischen J. Mason und I. H. Zukertort aus dem berühmten großen Turnier, das im Jahr 1883 in London gespielt wurde, und Zuckertort einen unerhörten Erfolg, natürlich mit dem ersten Preis gekrönt, einbrachte."

"Das, was ich in der Hand habe, dieses abgegriffene Buch", fuhr er fort, "ist das Turnierbuch aus dem Jahr 1883. Es sind noch einige Exemplare zu haben. Es ist eine Fundgrube großartiger Partien, es enthält allerdings auch einige recht minderwertige Spiele. Sie sehen, meine Herren, dass wir im Unrecht sind, wenn wir heute, im Jahr 1936, von oben herab auf die Zeit zurückschauen, die ein halbes Jahrhundert zurück in der Vergangenheit liegt."

Nach dem Studium verschlägt es Vidmar zunächst von Wien aus in die Provinz, dann nach Budapest. Der neue Chef ist selbst Schachliebhaber, motiviert Vidmar aber nachdrücklich, seinen Talenten in der Transistoren-Technik zu folgen, und Vidmar hat Erfolg. Erstaunlich bildhaft spiegelt sich die Ingenieurs-Intelligenz des Fabrikbesitzers in dessen Vorliebe für die Komposition von Schachproblemen, deren Lösung viele Züge erfordern, in der Regel sind es Mattaufgaben mit ca. 250 Zügen.

Vidmar hatte die Probleme von seinem Arbeitgeber manchmal mit ins Wochenende bekommen und löste und kommentierte sie.

Wie schade, dass nicht mehr Meister ihre Erinnerungen festgehalten haben, aber nicht von allen hätten wir ein solches Buch erhalten. Der Autor hat dem Werk die Absicht vorangestellt, den nachwachsenden Generationen etwas weitergeben zu wollen. Es spricht auch Verantwortungsbewusstsein daraus, zum Glück kommt noch Humor dazu. Ein gutes Buch.

Fernando Offermann, Berliner Schachverband, http://www.berlinerschachverband.de