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LXNUNJNBDS
Autor

John Nunns Buch der Schachaufgaben

Eigenschaften

239 Seiten, kartoniert, Gambit, 1. Auflage 2006

17,61 €
Inkl. 5% MwSt., zzgl. Versandkosten

In den meisten Schachaufgabenbüchern wird man in eine künstliche Situation verfrachtet: Man weiß, dass es eine Kombination gibt, wie das Thema lautet und welches Ziel zu erreichen ist. Nicht so in diesem Buch.

In einer praktischen Partie wird man zuweilen eine Kombination austüfteln oder aber eine taktische Idee verwerfen und einfach einen guten positionellen Zug ausgraben müssen. Man muss eben den richtigen Zug finden, wie auch immer er geartet sein mag. Die Aufgaben im vorliegenden Buch versetzen den Leser in genau diese Situation.

John Nunn, seines Zeichens Spitzengroßmeister und einer der weltbesten Schachproblemlöser, will mit 250 ausgesuchten Stellungen die Fähigkeiten des Lesers gründlich ausloten. In jeder Aufgabe soll der beste Zug gefunden werden. In diesen Stellungen wimmelt es von spektakulären Ideen, aber der Leser muss selbst entscheiden, ob er sich darauf einlässt oder damit in eine Falle läuft. Wenn man nicht weiterkommt, kann man Hinweise zu Rate ziehen.

Das Buch schließt mit einer Reihe von Tests zum Vergleich der eigenen Fähigkeiten mit denen anderer Spieler.

Einführung

Das vorliegende Buch ist mein erster Ausflug in die Welt der Schachaufgaben­bücher. Dass es sich dabei um ein etabliertes Genre handelt, bringt bestimmte Vorteile mit sich. Da der Leser sich auf vertrautem Gebiet befindet und mehr oder weniger weiß, was ihn erwartet, sollte der Autor sich nicht zu langatmigen Erläuterungen zum Zweck des Buchs, Layout usw. versteigen. Genau dies möchte ich nun aber merkwürdigerweise doch tun. Bei der Vorbereitung des vor­liegenden Buchs habe ich viele andere Aufgabenbücher unter die Lupe genom­men. Einige davon waren mir schon bekannt, da ich sie bereits zu Trainingszwe­cken verwendet hatte, andere dagegen neu. Nach dem Studium dieser Bücher fragte ich mich, welchen Zweck sie eigentlich verfolgten. Meiner Ansicht nach ließen sie sich in vier Hauptkategorien einteilen.

Die erste Kategorie besteht in der Regel aus einer großen Zahl recht einfacher Aufgaben - vielleicht ist "Aufgaben" hier sogar das falsche Wort und sollte bes­ser durch "Übungen" ersetzt werden. Ein typisches Beispiel hierfür ist ein Buch, mit dem ich in meiner Jugend arbeitete: 1001 Ways to Checkmate von Fred Rein­feld. Jeder junge Spieler sollte irgendwann ein solches Buch durchackern und jede Stellung lösen. Die Vertrautheit mit elementaren Mattideen ist für das schachliche Können unabdingbar. Für viele Fertigkeiten muss man eine gewisse Zeit zum Erlernen der Grundlagen aufwenden; dies kann etwas langweilig sein, ist aber für den weiteren Fortschritt unbedingt erforderlich.

Die zweite Art von Aufgabenbuch soll lediglich der Unterhaltung dienen. Ein Beispiel hierfür ist Chess Traveller 's Quiz Book von Julian Hodgson. Der Titel verrät schon die Intention, einen kurzweiligen Zeitvertreib für eine öde Zugreise zu liefern.

Ein gutes Resümee für die dritte Hauptkategorie gibt der Buchtitel Test Your Chess IQ von Liwschitz. Der Leser soll eine Selbstbeurteilungsübung durchfüh­ren; durch methodisches Abarbeiten der Beispiele und Addieren der erzielten Punkte kann man seine Wertungszahl abschätzen.

Die vierte Kategorie ist vielleicht am kleinsten; hier wird hauptsächlich ein Lehrziel verfolgt. Beispiele hierfür sind Chess Choice Challenge von Ward und Emms und Der beste Zug von Hort und Jansa (mittlerweile leider vergriffen).

Die von mir zur Erläuterung dieser Unterkategorien gewählten Bücher sind als typische Beispiele und nicht als persönliche Empfehlungen gedacht. Jede Gruppe enthält eine Reihe lohnenswerter Bücher - ich könnte noch mehr ins De­tail gehen, aber dies ist eine Einführung und keine Buchrezensionskolumne!

Mittlerweile hatte ich erkannt, dass ein Aufgabenbuch verschiedenen Kon­zeptionen folgen konnte, von denen ich nun eine für mein eigenes Buch wählen musste. Bei einem Limit von 250 Aufgaben kam Reinfelds Stil nicht in Betracht, aber die anderen Stilrichtungen schienen alle ihre Vorzüge zu haben. Letztend­lich entschloss ich mich für eine Kombination von Unterhaltung, Selbstbeurtei­lung und Lehre, aber mit dem Schwerpunkt auf dem letztgenannten Punkt. Man kann ohne weiteres ein Aufgabenbuch durchgehen und sich am Ende wundern, ob man überhaupt irgendetwas gelernt hat, aber ich hoffe, dass dies mit dem vor­liegenden Buch nicht passieren wird. Ich habe nach Möglichkeit in den Aufga­ben zum Ausdruck kommende nützliche allgemeine Prinzipien hervorgehoben - es ist überraschend, wie bestimmte Arten von Fehlern immer wieder auftreten. Außerdem sind die Lösungen der Aufgaben ungewöhnlich ausführlich; wenn man einen ernsthaften selbständigen Lösungsversuch unternommen hat, kann man durch Vergleich seiner Analyse mit der Lösung leicht herausfinden, was man übersehen hat (oder auch nicht!).

Der mittlere Schwierigkeitsgrad dieser Aufgaben ist relativ hoch. Ich habe sie auf einer Skala von 1 bis 5 eingestuft, wobei die Aufgaben von 1 (gewöhnlich nur ein einziges kurzes forciertes Abspiel) bis 5 immer schwerer werden. Es gibt so­gar ein paar noch schwierigere "5+"-Mega-Aufgaben. Nur die Aufgaben mit niedrigeren Schwierigkeitsgraden (1 oder 2) sind zur Lösung im Zug geeignet; der Rest sollte auf dem Brett aufgebaut und wie bei einer praktischen Partie be­handelt werden. Für viele lohnenswerte Dinge im Leben muss man hart arbeiten - ein Beispiel hierfür ist die Verbesserung der schachlichen Fähigkeiten mit Hil­fe des vorliegenden Buchs! Die Aufgaben sind aber nicht nur Knochenarbeit; fast alle enthalten in der Lösung ein spektakuläres Element, und ein paar wurden nur deshalb aufgenommen, weil der Gewinnzug so verblüffend ist. Es geht nicht bei allen Aufgaben ums Gewinnen; in einigen Fällen soll eine schlechte Stellung verteidigt werden.

Ich habe die Aufgaben nicht gemäß dem vorkommenden Kombinations- oder Angriffstyp aufgeteilt. Wenn man gesagt bekommt, dass es ein Matt in drei Zü­gen gibt oder eine Springergabel vorkommt, verliert die Aufgabe oft ihren Reiz. Im praktischen Spiel weiß man schließlich auch nicht, ob es eine Kombination gibt und welche Motive darin vorkommen könnten. Im vorliegenden Buch kann ich zwar nicht verhehlen, dass "etwas" in der Stellung ist, aber ich sehe nicht ein, warum die Aufgabe durch Preisgabe weiterer Informationen noch künstlicher gemacht werden sollte. Jedenfalls beinhalten die meisten aus dem Leben gegrif­fenen Kombinationen eine Verquickung verschiedener Elemente und sind nicht so leicht einzuordnen. Sollte man jedoch nicht weiterkommen, gibt es für jede Stellung (abgesehen von den Tests am Ende) einen Hinweis auf einer anderen Seite. Diese Hinweise verraten normalerweise in allgemeinen Worten, wonach man Ausschau halten soll, geben aber nicht gleich die ganze Lösung preis. Ich hoffe, dass der Leser wenigstens einen Versuch machen wird, jede Stellung zu lösen, bevor er sich den Hinweis ansieht.

Beim Lesen anderer Aufgabenbücher stellte ich fest, dass es meinem Vergnü­gen sehr abträglich war, wenn ich viele der Stellungen zuvor schon einmal gesehen hatte (wenn ich diese Stellung aus der Partie Reti-Tartakower noch einmal sehe, werde ich...) - In der Tat scheinen manche Leute Aufgabenbücher zu produzieren, indem sie ein paar Stellungen aus einem Aufgabenbuch, ein paar Stellungen aus einem anderen und eine Prise aus einem dritten nehmen und sie alle zusammen­mischen. Vielleicht haben nur wenige Leser eine große Zahl von Aufgabenbü­chern gelesen, aber auch wenn nur 10% der Stellungen vertraut sind, mindert dies immer noch den Wert des Buchs. Ich hoffe, diesem Schicksal durch eine Reihe von Methoden entgangen zu sein. Erstens sind viele der Partien sehr aktu­ell und noch nicht in anderen Sammlungen erschienen; zweitens basieren viele auf bisher unveröffentlichten Analysen. Beim Durchgehen des Informators krit­zele ich ziemlich oft eine Notiz neben eine verdächtig aussehende Analyse. Nach analytischer Bestätigung sind viele dieser Notizen in diesem Buch zu Aufgaben mit dem Thema "widerlegte Informator- Analyse" geworden. Andere Aufgaben beruhen wiederum auf unveröffentlichten Analysen meiner eigenen Partien. Ich gebe zu, dass ich einige wenige meiner Lieblingsstellungen wiederholt habe, aber es würde mich sehr überraschen, wenn jemand mehr als einen kleinen Pro­zentsatz schon einmal gesehen hat.

Ein anderes ständiges Ärgernis, insbesondere bei Aufgabenbüchern der Selbst­beurteilungskategorie, besteht in der Existenz von alternativen Lösungen. Man findet eine Lösung und bekommt trotzdem keine Punkte, weil an etwas anderes gedacht war. Wenn man dann die Stellung in Fritz eingibt, stellt sich heraus, dass die eigene Lösung genauso stichhaltig ist, wie die im Buch angegebene. Das macht dann eine Elo-Zahl von 2000 für Sie, Herr Nunn! Alle Stellungen im vor­liegenden Buch wurden sorgfältig mit Hilfe des Computers auf ebendiese Art von Problem hin überprüft. Natürlich kann ich analytische Fehler nicht ganz aus­schließen - einige der Stellungen sind wirklich knifflig und für die Computer­analyse ungeeignet (beispielsweise langfristige positionelle Opfer und einige Endspiele) - aber die Genauigkeit sollte hoch sein. Da wir es mit Stellungen aus dem richtigen Leben und nicht mit komponierten Studien zu tun haben, gibt es oft an irgendeinem Punkt alternative Gewinnwege, die aber in der Lösung er­wähnt werden, wenn sie von Bedeutung sind. In vielen der von mir in die engere Wahl genommenen Stellungen ergaben sich "Widerlegungen" und alternative Lösungen, daher mussten die Aufgaben in diesem Buch aus einer viel größeren Anzahl ausgesucht werden. Mehr zu diesem Thema findet sich bei der Lösung zu Aufgabe 172.

Nach der Beschreibung meiner generellen Vorgehensweise gehe ich nun zu den Einzelheiten des Inhalts über. Hierzu gibt es viel weniger zu sagen. Die bei­den Kapitel "Aufgaben Teil 1" und "Aufgaben Teil 2" bilden den Hauptteil des Buchs und sind allgemeine Sammlungen von Aufgaben ohne übergeordnetes Thema. Zur Auflockerung und Abwechslung habe ich zwei thematische Kapitel eingefügt. "Finden Sie den falschen Zug!" lädt den Leser ein, den groben Fehler zu finden, der zum sofortigen Ende der Partie führte. Dies sind nicht nur simple Figureneinsteller, sondern beunruhigend plausible Züge mit fatalen Konsequen­zen. Ursprünglich hatte ich ein Kapitel mit einer Auswahl historischer Aufgaben aus einem berühmten alten Turnier geplant. Meine anfänglichen Nachforschun­gen auf diesem Gebiet ergaben jedoch so überraschende Ergebnisse, dass daraus eine generelle Diskussion über Methoden zum Vergleich von Spielern und Par­tien damals und heute geworden ist. Zwei Bekannte, denen ich mein Vorhaben beschrieb, waren übereinstimmend der Meinung, dass dieses Thema ein ganzes Buch verdiene. Vielleicht werde ich dieses Projekt eines Tages in Angriff neh­men, aber für den Moment sollte das Kapitel "Von der Zeit geprüft" zum Nach­denken anregen und vielleicht sogar ein wenig provozieren (obendrein gibt es auch noch ein paar Aufgaben!).

Zu guter Letzt wären da noch die Selbstbeurteilungstests, acht an der Zahl mit je sechs Aufgaben. Der Leser soll seine Lösungen benoten und die Punktetabelle auf Seite 238 ausfüllen. Natürlich stellen derartige Tests keine echte Basis für die Einschätzung der Begabung eines Spielers dar (neben zahlreichen anderen Schwächen wird ja nur eine Facette des Schachs geprüft - die taktische Beschla­genheit). Trotzdem hat wohl jeder den schleichenden Verdacht, dass er stärker wäre, wenn nur ... (hier bitte eigene Ausrede eintragen). Diese Tests geben dem Leser die Chance, seinen Verdacht zu bestätigen.

Abschließend danke ich David Anderton, Graham Burgess, Ian Rogers und Ken Whyld für ihre Hilfe mit diesem Buch.

John Nunn

Chertsey, Mai 2006

Weitere Informationen
Gewicht 310 g
Hersteller Gambit
Breite 14,5 cm
Höhe 21 cm
Medium Buch
Erscheinungsjahr 2006
Autor John Nunn
Sprache Deutsch
Auflage 1
ISBN-10 1904600530
ISBN-13 9781904600534
Seiten 239
Einband kartoniert

004 Einführung

007 Zeichenerklärung

008 Aufgaben Teil 1

035 Finden Sie den falschen Zug!

040 Aufgaben Teil 2

067 Von der Zeit geprüft

089 Teststellungen

099 Hinweise

119 Lösungen der Aufgaben

212 Lösungen der Teststellungen

238 Punktetabelle

239 Umrechnung der Testpunktzahl in Elo-Punkte

Die Besprechung eines Kombinationsbuchs ist gewöhnlich kein Leichtes, da sich der Inhalt selbst erklärt. Mit John Nunns Buch der Schachaufgaben verhält es sich etwas anders. Alleine der Umstand, dass sieben Jahre nach der Erstauflage eine deutschsprachige Ausgabe erscheint, ist schon erstaunlich. Diese Aufgaben­sammlung unterscheidet sich aber noch in anderer Hinsicht von vergleichbaren Publi­kationen.

Wie gewohnt nähert sich John Nunn, der nicht nur zu den besten Schachautoren, sondern auch zu den besten Problemlösern der Welt gehört, diesem Thema in seiner wissenschaftlich-­strukturierten Weise. Nunn will die Aspekte Unterhaltung, Selbstbeurteilung und Lehre mit seinem Buch vereinen, wobei die Betonung auf letzterem liegt.

Die meisten seiner 250 Aufgaben sind dazu gedacht, am Brett gelöst werden, da sie zuweilen sehr komplex sind — auch das trifft auf die meisten Bücher dieser Art nicht zu. Der Schwierigkeitsgrad unterscheidet sich von 1 bis 5+. Dazu gibt es ein Kapitel mit gut formulierten Tipps und schließlich ausführlich erläuterte Lösungen. Die Beispiele sind immer originell und enthalten so gut wie kein "verbrauchtes" Material. Auf bekannte, häufig publizierte Stellungen, die in vergleichbaren Büchern leider zu oft präsentiert werden, hat der englische Großmeister verzichtet. Zudem sind alle Aufgaben mit dem Computer überprüft. Es sind die Sorgfalt, die Didaktik und die konzep­tionelle Aufbereitung des Stoffes, die nicht nur dieses Werk Nunns auszeichnen.

Die beiden Hauptkapitel präsentieren ge­mischte Aufgaben, sowohl was den Schwierig­keitsgrad als auch das Thema angeht. Damit wird der Leser vor eine "quasi" Partiesituation gestellt, in der er keine weiteren Lösungs­hinweise bekommt, was didaktisch sinnvoll erscheint. In einem anderen Kapitel soll der "falsche" Zug, also der grobe Fehler gefunden werden. Eine originelle Idee, die vor allzu sorg­losem Spiel warnt. Das Buch schließt mit einem Selbstbeurteilungstest.

Der eigentliche Höhepunkt dieser Publikation ist das Kapitel "Von der Zeit geprüft". Nunn geht der Frage nach, ob Top-Spieler der Vergangenheit ein mit heutigen Spitzenspielern vergleichbares spielerisches Niveau hatten. Er stellt dafür das Interzonenturnier in Bern von 1993 dem Turnier von Karlsbad 1911 gegen­über und entwickelt einige tragfähige Methoden für einen repräsentativen Leistungsvergleich. Mit Hilfe der von Fritz angebotenen "automa­tischen Fehlersuche" wertete Nunn alle Partien aus. Sein Ergebnis ist erstaunlich: Die alten Spieler waren deutlich schlechter. Am Beispiel des heute fast vergessenen Hugo Süchting, der in dem bedeutenden Turnier von Karlsbad einen Mittelplatz belegte, zeigt er, wie schlecht die Schachauffassung der meisten Teilnehmer gewesen sein muss. Nunn glaubt, dass die meisten Spieler lediglich einen Elo-Schnitt um die 2100 gehabt haben. Die Hauptmängel lagen zum einen in der Häufigkeit grober Übersehen, die übrigens selbst bei Spitzenspielern wie Rubinstein zu beobachten waren. Zum anderen war die Wahl eines falschen Planes auffallend oft anzutreffen. Und schließlich waren die Endspielkenntnisse auf einem erschreckend niedrigen Niveau. Lediglich zwei der insgesamt 325 Karlsbader Partien, so Nunn, sind bis heute im Gedächtnis geblieben - und eine davon ist bei genauerer Prüfung auch noch fehlerhaft. Nunn schien noch während des Schreibens davon so verärgert, dass die sonst so sachliche Lektüre emotional wird.

Alleine durch dieses Kapitel erhält dieses Buch einen vorderen Platz unter vergleichbaren Publikationen. Darüber hinaus verspricht Nunns didaktische Art der Aufgabenpräsen­tation einen hohen Wissenszuwachs. Wer die englische Ausgabe noch nicht hat, sollte nun zugreifen. Allerdings erscheint der Preis etwas zu hoch.

Harry Schaack, KARL 3/2006

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Bekanntlich erfreut der englische Verlag Gambit Publications die deut­schen Schachfreunde seit einigen Jah­ren mit deutschen Übersetzungen sei­ner erfolgreichsten Lehrbücher. Diese deutschen Versionen erscheinen in­zwischen meist recht schnell nach den Originalbänden, doch bei zwei nun vorliegenden Büchern hat es et­was länger gedauert.

Wir beginnen mit der deutschen Ausgabe von John Nunn's Chess Puzzle Book, das 1999 erschien.

Es handelt sich dabei um eine Sammlung von Taktikaufgaben, die einige originelle Besonderheiten auf­weist. Nach einer ersten Zusammen­stellung von 80 Taktikaufgaben, die wie im Rest des Buches nicht nach Themen oder Schwierigkeit geordnet sind, folgt ein kleiner Abschnitt mit Aufgaben, in denen der in der Partie gespielte falsche(!) Zug gefunden werden soll.

Danach folgt wieder ein großer Block mit "normalen" Aufgaben, wo­nach sich wieder ein ungewöhnlicher Abschnitt anschließt. "Von der Zeit geprüft" ist John Nunns Versuch, anhand Zweier großer Turniere der Vergangenheit und Gegenwart einen Vergleich zwischen dem taktischen und spielerischen Niveau damals und heute zu wagen.

Dieser Teil des Buches hat ein breites Echo hervorgerufen, interes­sant und lehrreich ist er aber allemal.

Nach diesen insgesamt 202 Aufga­ben folgt nun der letzte Teil mit Übungen. Er enthält acht Tests mit jeweils sechs Aufgaben, wobei die Tests etwa gleich schwierig sind. In jeder Aufgabe dieser Tests werden Punkte für die Lösungen vergeben, die am Ende in einer Umrechnungsta­belle eine ungefähre Einschätzung der erbrachten Leistung ermöglichen.

Fazit: ein sehr gelungenes Taktik­buch mit vielen spannenden Aufga­ben, jetzt also endlich auch in Deutsch!

Schach Markt 4/2006

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Was würden Sie hinter dem farblo­sen Titel "John Nunns Buch der Schachaufgaben" erwarten? Sicher nicht die beste Einführung in die Kunst der Schachanalyse, doch genau das bietet die deutsche Übersetzung des Testbuchs mit 250 Stellungen. Hier dreht sich alles um die Ver­feinerung der Entscheidungsfindung, was als nie abgeschlossene Lebensaufgabe fast jeden Schachtreibenden betrifft: Den aufstrebenden Jugendlichen, den passionierten Vereins­spieler, den ehrgeizigen Turnierspieler, den dauergestressten Profi und - was selten der Fall ist, aber Not tun - den Schachhistoriker! Was macht das 240-Seiten-Opus zu einem nützlichen Handwerkszeug?

Es besticht einerseits durch eine abwechselungsreiche Themenauswahl (ne­ben Mittelspiel- auch erfreulich viele Endspielstellungen und Korrekturen zu Analysen aus unter­schiedlichsten Quel­len!), andererseits gibt es Optionen, wie man mit dem Buch arbeiten kann. Die Aufgaben sind in fünf Schwierigkeits­stufen gegliedert, was einen Zuschnitt auf die eigene, "gefühl­te" Spielstärke erleichtert; wer es braucht, be­kommt mit separaten Hinweisen Hinleitungen zu Lösungen, und wer es liebt, kann seine Per­formance mit Wertungstabellen ausrechnen. Die Kapitel verraten nicht, welches Taktik­oder Planungsfindungsthema gerade angesagt ist - Unvoreingenommenheit sollten gefördert werden, und Nunn resümiert seine Arbeit letztlich als oftmalige "Widerlegung von In­formator-Analysen". Das Kapitel "Finden Sie den falschen Zug!" ist ungewöhnlich und un­terhaltsam. Ein Extrakapitel über ein bedeu­tendes Schachturnier (Karlsbad 1911) schärft den Blick für die Evolution des Schach­wissens, und weder einstige noch heutige Helden kommen ungeschoren davon - selbst Garry Kasparow wird widerlegt, und Emanuel Lasker erwischt es auch! Eigentlich wollte der deutsche Schachweltmeister in seinem "Lehr­buch des Schachspiels" 1928 die Wirkung einer Springergabel aufzeigen (S. 103 der Neuauflage von 2005 beim Beyer Verlag). Doch was übersah er beim Damenopfer auf h6?

(Weiß: Kg1; Dd2; Ta1, f1; Sd5; Ba2, b3, c4, f2, g2, h2

Schwarz: Kg8; Dd7; Te8, f8; Sg6; Ba7, b7, d6, f7, g7, h6)

Nunn gibt folgende Lösung: "Das Problem besteht darin, dass die angegebene Kombi­nation in Wirklichkeit Material verliert, da nach

1. Dxh6 gxh6 2. Sf6+ Kg7 3. Sxd7 Tg8 der weiße Springer keinen Rückzug hat. Schwarz gewinnt in allen Varianten: 1) Nach 4. f4 Td8 5. f5 Sh8 steht der schwarze Springer vorü­bergehend merkwürdig, wird sich aber schließlich wieder in das Spiel einschal­ten können. Im Gegensatz dazu wird der weiße Springer nun ins Gras beißen müs­sen. 2) 4. Tad1 Te7 5. Txd6 Td8 6. Txg6+ (6. Tfdl Sf8 ist hoffnungslos) 6. ...fxg6 7. Sc5 Td2 8. a4 b6, und Schwarz gewinnt leicht, da die passiv stehenden weißen Fi­guren die Damenflügelbauern nicht gegen den Angriff der das Brett beherrschenden schwarzen Türme verteidigen können werden." Erfreulicherweise belehrt Nunn weniger schulmeisterhaft, sondern will mit der Eingrenzung von Trends und Va­rianten provozieren und überzeugen.

Diese Herangehensweise steht in völligem Gegensatz zu dem, was neuerdings als Credo für Biographien und Turnierbücher über die gute, alte Zeit gilt, wo sich überwiegend auf das Zusammentragen der alten Analysen be­schränkt und einer wenig erkenntnis­fördernden Verklärung der Schachheroen Vor­schub geleistet wird. Auf 22 Seiten untermau­ert Nunn im Kapitel "Von der Zeit geprüft" - unter Anlehnung an einen früheren Kasparow-Buchtitel - eine überzeugende Entzauberung der alten Meister. Und sein Sample von Karlsbad 1911 ist mit 325 Partien sowie einem Großteil der seinerzeit besten Spieler wahrlich aussagekräftig, und seine Resümees sind niederschmetternd. Als Hauptmanko des Schachkönnens vor einem Jahrhundert iden­tifiziert der Engländer eine Tendenz zu ernst­haften Fehlern, einen Hang zur Wahl des völ­lig falschen Plans und eine unzureichende Endspielbehandlung. Das Turnierbuch von Milan Vidmar, von diesem aufgrund der ihm ungenügend erscheinenden Entlohnung eher nonchalant verfasst, fällt bei Nunns frischem Blick komplett durch: " .. .jedenfalls übersah Vidmar zwischen 85% und 90% der schweren Fehler im Turnier." (S. 77). Am Beispiel der Partie von Arnos Burn gegen Oscar Chajes lässt sich zeigen, wie nachlässig gespielt und ana­lysiert wurde.

Nunn fragt: "In der Diagramm­stellung spielte Schwarz .. .Da3+ und musste sich letztlich geschlagen gegeben. Laut Turnierbuch war Schwarz über das ganze Endspiel hinweg verloren, aber just in diesem Moment hätte er remisieren können. Wie?"

(Weiß: Kh3; Dd5, e2; Bc4, d4, e6, g4

Schwarz:Kc8; Da1, g1; Bg5)

"Schwarz verpasste 1. ...Dc3+ 2. Ddf3 (2. Def3? Dh1+ 3. Kg3 Dce1+ 4. Df2 Dh4+ mit Matt im nächsten Zug) 2...Dh1+! 3. Kg3 Dg1+, und Weiß muss die Züge wiederholen, da 4. Deg2 Dce1+ zu schnellem Matt führt." Nunns Philosophie "Denk mal statt Denkmal" sollte allen Spielstärken für Training und Spielpraxis ein hilfreicher Grundsatz sein und den aus verschiedenen Blickwinkeln am frü­heren und derzeitigen Schach Interessierten eine Leitlinie bieten, um erstaunlichen Brett­kapriolen auf die Spur zu kommen. Nunns mit spektakulären Beispielen gespicktes Werk kann den Weg zu einem Schachverständnis de luxe ebnen!

Harald Fietz, Schach Magazin 64 16/2006