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LXHESEIDS

Expeditionen in die Schachwelt

417 Seiten, gebunden, Chessgate, 1. Auflage 2006

28,80 €
Inkl. 5% MwSt., zzgl. Versandkosten

Prof. Dr. CHRISTIAN HESSE führt den Leser mit diesem Buch zu faszinierenden Sehens-, Denk- und Merkwürdigkeiten der Schachwelt. In vierundneunzig Expeditionen in Sachen Schach wird mit freundlichem Augenzwinkern und wohldosierter Nachdenklichkeit allerlei Tiefgründiges, Leichtfüßiges und Schwergewichtiges erkundet.- Die Vielväterstellung, der meistüberschätzte Zug, das schwerste Problem und auch geträumte Großmeisterpartien, brilliante Fehler, schicksalhafte Züge, krasse Außenseitersiege sind ein Teil der Impressionen - von imposant über interessant bis geistreich und wunderschön.

Es ist ein leidenschaftliches Buch, das Begeisterung für die Beschäftigung mit dem Königlichen Spiel in den verschiedensten Formen weckt. Wie es Weltmeister WLADIMIR KRAMNIK im Vorwort schreibt. »It is a book that shows the range of sheer intellectual skill in the world Of 64 squares and even gives chess sceptics an idea about the manifold attractions of the game. In this sense it is a book for both friends and foes of chess.«

Weitere Informationen
Gewicht 880 g
Hersteller Chessgate
Breite 17,2 cm
Höhe 24,4 cm
Medium Buch
Erscheinungsjahr 2006
Autor Christian Hesse
Sprache Deutsch
Auflage 1
ISBN-10 3935748140
ISBN-13 9783935748148
Seiten 417
Einband gebunden

Mit "Expeditio­nen in die Schachwelt" präsentiert der an der Universität Stuttgart leh­rende Mathematikprofessor Christi­an Hesse ein laut Vorwort "schach­belletristisches" Werk. Ein Buch al­so, das man auch zwischendurch, zum Beispiel vor dem Schlafenge­hen oder in der U-Bahn ohne zusätz­liches Brett und in kleinen Häpp­chen zu sich nehmen kann. Hesse breitet in nahezu 100 wenigseitigen und voneinander unabhängigen Ka­piteln Geniales, Skurriles, Künstleri­sches, Tragisches, Kämpferisches, Historisches, Wissenschaftliches aus der Welt des Schachs aus: ein kun­terbuntes, wohl recherchiertes Pot­pourri, in dem die wunderbare Har­monie zwischen logischen und para­doxen Elementen des Schachspiels in immer neuen Facetten aufscheint. Hesse tut dies in einer pointiert-ge­hobenen Sprache, sodass oft schon die reine Lektüre des Textes Vergnü­gen bereitet. Man nimmt Teil an den haarsträubendsten Zeitnotdramen der Schachgeschichte, erfährt, daß sich auch Supergroßmeister - auch wenn sie nicht Kramnik heißen und nicht gegen einen Computer spielen - in ausgeglichener Stellung einzü­gig matt setzen lassen oder wie das FIDEsche Schachregelwerk immer wasserdichter wurde, nicht zuletzt, weil Witzbolde Lücken in den Regularien aufgespürt hatten. Beispiel ge­fällig? Die Umwandlungsregel hieß früher: "Ein Bauer, der die gegenüberliegende Brettseite erreicht, kann in einen beliebigen Offizier [...] umgewandelt werden." Man be­trachte sich nun im Lichte dieser Formulierung das folgende Problem mit der Forderung: Weiß zieht und setzt in einem Zug matt. Das geht - indem Weiß eben 1.g7-g8 zieht und sich einen schwarzen (!!) Springer vom Brettrand nimmt.

(Weiß: Kh5; Tf7; Sg6; Bg7 - Schwarz: Kh7)

Wussten Sie übrigens, dass ab und an Spieler in der Hitze des Gefech­tes vergaßen, über welche Figuren­farbe sie am Brett geboten und sich selbst (!) mittels einer gegnerischen Figur matt setzten (in: "Auto-Ag­gression")? Analyse-Super-GAUs (ausgeglichene Stellungsbeurteilung in einem Lehrbuch, obwohl ein ein­zügiges Matt ansteht), unsterbliche Kombinationen, meistüberschätzte Züge, Schönheit im Schach, Züge mit ungewollt maximalem Schaden für den Ausführenden selbst ("Worst of worst") sind beispielhaft weitere Themen. Auch wenn Abschnitte, et­wa bei "Demobilisierung und Selbsteinmauerung", dem artifiziellen näher als dem Partieschach ste­hen, kann man stets ohne weitere Vorkenntnisse aus dem Studien- ­oder Problemschach folgen. Auch vom Thema her wissenschaftlichere Beiträge wie zur Entwicklung der Elozahlen, zur Schachpsychologie oder zu den Beweispartien finden sich in den "Expeditionen".

Jedem Kapitel sind ein oder mehrere zum Haupttext passende und zum geringeren Teil englischsprachige, nennen wir es "Weisheiten", voran­gestellt, die mich oft herzhaft lachen ließen. Unter "Minimalistisches" geht es um Erstaunliches in Stellun­gen mit nur wenigen Steinen. Der frühere US-Justizminister Ashcroft trägt hierzu außerordentlich Erhel­lendes bei: "Im Leben braucht man nur zwei Dinge - das Schmieröl WD 40 und festes Klebeband. WD 40 für die Dinge, die sich nicht bewegen, es aber tun sollten; und Klebeband für Dinge, die sich bewegen und es nicht tun sollten."

Ich interessiere mich seit Jahren in­tensiv für vergleichbare schachliche Themen wie die hier behandelten, dennoch waren schätzungsweise deutlich über 80 % der Hesse'schen Funde neu für mich, was ein Indiz für eine sehr intensive eigene Suche des Autors sein mag.

Selten habe ich ein Schachbuch so verschlungen wie diese "Expeditio­nen". Da sei dem Autor auch "ver­ziehen", daß im Kapitel über die Babson-Task ein Literaturhinweis auf Tim Krabbé angesagt gewesen wäre (S. 156) oder dass der Weit­sprung-Weltrekord der Herren schon seit 26 Jahren nicht mehr bei 8,90 m steht (S. 157)...

Dass der Band sehr gelungen ist, zeigt sich auch an "Äußerlichkeiten": schwerer Einband, äußerst an­sprechende Titelbildgestaltung (gra­fische Umsetzung der berühmten Partie Byrne-Fischer von Ugo Dossi), gediegenes Layout, angenehme Papierqualität, Vorwort eines Schachweltmeisters (Kramnik) so­wie ein umfangreiches Literatur-und Personenverzeichnis.

Der unumstrittene Star in diesem Buch ist das Schachspiel im umfas­senden Sinne. Wer sich also nicht nur für den sportlichen, sprich Wett­kampfaspekt des Spiels interessiert oder darüber hinaus ein sicherlich gern gesehenes Geschenk für einen Schachfreund sucht, dürfte mit dem Kauf der "Ausflüge" sicherlich rich­tig liegen. Sie sind ihren Preis wert.

(...)

Mit freundlicher Genehmigung

Helmut Conrady, Rochade Europa 6/2007

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"Der Tod ist die stärkste Form der Dienstunfähigkeit." Das muss stimmen, denn so steht es in den Unterrichtsblättern fiir die Bundeswehrverwal­tung. Mit dem Zitat eröffnet Christi­an Hesse das Kapitel "Tod am Brett". Der Leser ahnt, wohin ihn der Autor bei seinen Expeditionen in die Schachwelt verschleppt: geboten wird die Fahrt in einer Art intellek­tueller Achterbahn, hinauf in des Schachs höchste Höhen und hinun­ter in tiefste Tiefen. Hesse lässt die Bahn 95 mal anhalten. So viele Ka­pitelchen hat das 417 Seiten dicke, edel ausgestattete Buch. Den Tod am Brett starben übrigens bekannte Spieler, zum Beispiel GM Bagirow oder Cecil Purdy, der erste Fern­schach-Weltmeister. Dessen letzte Worte am Brett: "I have a win, but it will take some time." Auf den Autor Hesse stößt der Schachfreund nicht so leicht. Es sei denn, er sucht ein Lehrbuch zur Sto­chastik oder hört an der Universität Stuttgart Mathematik. Professor Dr. Hesse leitet dort die Abteilung für Mathematische Statistik mit Forschungsschwerpunkten im Bereich der Wahrscheinlichkeitstheo­rie.

Noch bevor die ersten Seiten des Buches überflogen sind, fallen mir drei Besonderheiten auf: 1) Das hin­tere Vorsatzblatt wurde bedruckt: das wirkt pfuschig. 2) Das Buch ent­hält ein vielseitiges Personen- und Stichwortverzeichnis: sehr gut! Der­gleichen Luxus bietet kaum ein ak­tuelles Schachbuch, gleichgültig aus welchem Land und von welchem Verlag. Chessgate ist eine der löbli­chen Ausnahmen. 3) Das mächtige Literaturverzeichnis ist eng bedruck­te 7 Seiten lang.

Dies hier ist so etwas wie das ulti­mative Schachbuch. Es beantwortet ein paar von den Fragen, auf die wir nie gekommen wären. Zum Beispiel die Frage nach der "Mutter aller Zü­ge". Mit der Stellung dazu mag ich den RE-Leser nicht langweilen (au-genzwinkernd gesagt), auch wenn IM Viktor Charuschin über 6.Dg5!! ein ganzes Buch geschrieben hat.

Ein anderes Kapitel stellt den "meistüberschätzten Zug" vor. Hes­se ist der Meinung, dass 23...Dg3 aus Levitsky - Marshall, Breslau 1912, in diese Kategorie gehört. Grottenschlechte Züge gibt es natürlich auch, im Kapitel "Worst of Worst". Damit nicht genug, Hesse gibt dem Affen Zucker und zeigt uns "Bril­lante schlechte Züge" und den ande­ren Fall: "Miserable Ideen, brillante Züge".

Auch die schlechtesten Züge halten sich an die Spielregeln - was sagen Sie aber dazu:

(Weiß: Kg1; Lf4; Sc3, g7; Ba2, b2, f2, g3, h2 / Schwarz: Ke8; Th8, b4; Le7; Ba6, f5, h7)

Motwani - Chandler

Zt Blackpool 1990

30..Txf4!!?? 0:1

Chr. Hesse: Schwarz sollte mit 30..Kf7 fortsetzen und hätte nach 31.Sxf5 Lf6 Vorteil. Doch Chand­ler erfand den direkten und in seiner Wirkung weitaus stärkeren Schlag 30..Txf4!!??, der Motwani bewog, sofort aufzugeben, weil er den Springer-Verlust nach 31.gxf4 Tg8 bemerkte. Von beiden Spielern unbe­merkt dagegen blieb das nicht unwe­sentliche Detail eines im Schach verbliebenen Königs e8.

Selten hat mich ein Schachbuch so in den Bann gezogen ob der wunder­baren, manchmal auch wunderlichen Gedanken und Stellungen. Die Ka­pitel über die "Werte der Figuren" und die "Geometrie des Schach­bretts" sind beste Schachwissen­schaft. Beeindruckend auch, was Hesse zur Schachpsychologie schreibt, wie er mit wenigen Sätzen den aktuellen Forschungsstand erör­tert zu den ewigen Fragen: Wie den­ken und worauf achten Großmeister am Brett? Was machen sie dabei an­ders als Meister und Amateure?

Statt eines Nachwortes zeigt der Au­tor ein Faksimile. Es ist die E-Mail-Antwort vom Großayatollah Ali al-Sistani aus dem Iran, der höchsten Dogmen-Instanz für alle schiitischen Moslems. Christian Hesse hatte ihm drei Fragen gestellt: 1. Ist es erlaubt, Schachbücher zu schreiben? 2. Ist es erlaubt, Schachbücher zu lesen? 3. Ist es erlaubt, Schachprobleme zu lösen? Der Großayatollah antwortete prompt...

FAZIT

Eine faszinierende Sammlung von Gedanken, Stellungen und Merk­würdigkeiten rund um das Schachspiel. Kaufempfehlung.

Mit freundlicher Genehmigung

Dr. Erik Rausch, Rochade Europa 5/2007

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Schachbücher befassen sich heutzutage vornehmlich mit Eröffnungen. Knallhart werden Varianten analysiert und eingeordnet. Dabei muss das Blätterwerk zunehmend CDs oder DVDs weichen. Schöne Schach-Lesebücher gibt es kaum noch. Den Mangel an Büchern, die man ohne ein Brett oder Programm "zur reinen geistreichen Unterhaltung lesen und genießen kann“, beklagt auch Christian Hesse. Der Professor für Mathematik an der Universität Stuttgart hat glücklicherweise Abhilfe geschaffen. Der Forscher im Bereich der Wahrscheinlichkeitstheorie war bisher ein unbeschriebenes Blatt auf den 64 Feldern - mit seinen "Expeditionen in die Schachwelt - Helden, Taten, Denkanstöße“ ändert sich das.

Hesses Werk besticht durch 94 Kapitel, in denen fantastische oder skurrile Partien und Stellungen präsentiert werden. In dieser Form gelang dies wohl zuletzt vor 33 Jahren dem Niederländer Tim Krabbé. Der weltweit erfolgreiche Krimi-Autor präsentierte 1974 "Schach-Besonderheiten: kuriose, intelligente und amüsante Kombinationen“, wie der später auf Deutsch veröffentlichte Titel hieß. 1977 folgte ein zweiter Band von Krabbé. Hesse versteht es auch, unterhaltsame Geschichten um die Geschichten auf dem Brett zu drapieren. Philosophische Ansätze klingen dabei ebenso durch wie mathematische. Vor jedem Kapitel findet der Leser Zitate Prominenter von Boris Becker bis Fußballtrainer Peter Neururer, aber auch von großen Denkern, über deren Sinn oder Unsinn sich trefflich sinnieren lässt. Die Originalität der Partien harmoniert mit den gelungenen Texten rund um die Züge. Die einzige kleine Schwäche auf den 417 Seiten ist lediglich, dass der in Harvard promovierte und einst in Berkeley (USA) lehrende Hesse weder das Vorwort von Weltmeister Wladimir Kramnik noch einige Zitate aus dem Englischen übersetzte.

Nachstehend eine Position aus dem Kapitel, das unter der Überschrift "Die Widerlegung der Widerlegung der Widerlegung“ steht. Passend dazu dient als Einleitung ein japanische Sprichwort: Die Rückseite hat auch eine Rückseite. Darauf kann man sich einen besseren Reim machen, wenn man die folgende Stellung zweier unbekannter Amateure aus dem Jahre 1944 bestaunt. Die Bewertung der Stellung scheint sich nach jedem Zug schlagartig wieder zu ändern. Christian Hesse schreibt dazu:

In seiner Parabel "Der Garten der sich gabelnden Wege“ befasst sich der Schriftsteller Jorge Luis Borges mit dem Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Vergangene ist in Fakten aufbewahrt, die Zukunft entwickelt sich als dynamischer Prozess, wobei von der Gegenwart - in welcher Weise auch immer - jeweils eine der logisch möglichen weiteren Verlaufsformen ausgewählt wird. Das ist eine auch auf die zeitliche Entwicklung einer Schachpartie zutreffende Metapher. Im Schach sind es die Spieler, die an jeder Weggabelung entscheiden, welchen Verlauf die weitere Reise nimmt. Diese Entscheidung treffen sie, indem sie einige der Verästelungen mit ihrer Vorstellungskraft bis zu einer gewissen Tiefe abschreiten, eine von Erfahrung getragene Vermutung über die Bewertung der erreichten Stellung aufstellen und auf diese Weise mit Kalkulation und Intuition zur Zugentscheidung kommen.

So gut wie jede Zugfindung ist das Ergebnis von Einschätzungen, die einige Zeitschritte in die Zukunft der aktuellen Stellung hineinreichen. Deshalb ist es verständlich, dass ein Manöver durch ein anderes, welches auf der Grundlage tieferer Zukunftsvisionen zu Stande kam, bisweilen widerlegt werden kann, und letzteres wiederum durch eine noch tiefere Analyse widerlegt wird usw.

(...)

Mit freundlicher Genehmigung

Hartmut Metz, Rochade Kuppenheim

www.rochadekuppenheim.de

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Expeditionen sind Forschungsreisen oder Kriegszüge - in jedem Fall enthalten sie ein Moment des Abenteuers, bringen oder schaffen sie Neues. Christian Hesses Titel "Expeditionen in die Schachwelt“ klingt nach Aufregung, nach Fridjof Nansens ewigem Eis oder mindestens nach Heinz Sielmanns legendären Entdeckungsreisen ins Tierreich. Hesses Untertitel - Helden Taten Denkanstöße - unterstreicht noch dieses Element.

Selbstbewusst und gewichtig kommt der voluminöse Band daher. Man sieht ihm sofort an: Autor und Verlag wollten ein schachliches Hauptwerk liefern: Es macht was her, solide gebunden, edles Papier, eine Einleitung des Weltmeisters Kramnik (der scheinbar gut Deutsch liest), das Bild eines selbstsicheren Autors, eine lange Literaturliste, fast 100 anspruchsvolle Kapitelüberschriften - da muss man die Messlatte hoch anlegen. Dieses Buch will nicht nur gelesen, es will diskutiert und kritisiert werden. Nur so wird man der wichtigsten Erscheinung der Saison gerecht.

Tatsächlich öffnet man den schweren Buchdeckel wie eine Schatzkiste voller Gold und Edelsteine. Eine Unmenge faszinierendster Stellungen und Partien begegnen dem Leser, die zum Grübeln, Staunen, ungläubigem Kopfschütteln, ja sogar zum lauten Lachen animieren; selten hat jemand mit solcher Akribie und Sammelfreude die Juwelen der Schach- und Kompositionskunst zusammengetragen. In den geglücktesten Momenten begreift man tief innerlich, was man am Schach hat, ahnt man ungefühlte Tiefen.

Hesse, der seine Bücher, wenn man dem Umschlagfoto trauen darf, nicht auf Papier, sondern wändehohe Tafeln schreibt, wie ein wildgewordener Filmprofessor, lehrt selbst an der Uni Stuttgart Mathematik und Stochastik. Da darf man doch einiges erwarten!

Tatsächlich liegen die Kronjuwelen dort vergraben, wo der Herr Professor Fach und Leidenschaft miteinander verbindet, selbst kreativ wird und denkerischen Einsatz zeigt. Kapitel wie "Geometrie des Schachbretts“, "Fischerbezwinger, Fischerbezwinger-Bezwinger“ oder "Ineinanderumschlagen von Gegensätzen“ wird man noch lange in der Schachtheorie zitieren, keine Frage. Nur leider verlieren sich diese Glanzstücke in einem riesigen Haufen von Klunkern und Glasperlen, denn der übergroße Teil der Beiträge stellt nichts anderes dar als eine Kuriositätensammlung kombinatorischer und kompositorischer Höhepunkte. Getrübt wird der Lesefluss zudem durch eine unglaublich hohe Anzahl äußerer Unstimmigkeiten, Kleinkram zwar und sicher nicht ganz geschmacksunabhängig, aber doch vermeidbar, hätte man sich nur bemüht, einem auch nur halbbegabten Lektor das Buch vor der Drucklegung zu präsentieren. Das reicht von chaotischer Zitierung über uneinheitliche Sprachgestaltung (sowohl die deutsche als auch Fremdsprachen betreffend), über ungleiche Namensschreibungen und wirre Seitengestaltung bis hin zu Auslassungen und Zufügungen im Literaturverzeichnis. Hesse wie Kramnik (dessen Vorwort Hesses Grundideen nur wiederholt und in die Feder diktiert klingt) legen viel Wert auf das ästhetische Moment des Schachs - jeder Bibliophile wird zustimmen, dass auf diesem weiten Feld die Schach- und die Buchkunst verwandt sind.

Am ärgerlichsten aber ist der oft laxe Gebrauch der Sprache. Damit ist noch nicht mal die Stil- und Wortvarianz gemeint, die in einem kurzen Abschnitt "geometrisches Bewegungsmuster“, "Primadonna assoluta“ und "versemmelt“ unmittelbar aufeinander folgen lässt, sondern der oft voreilige Gebrauch von abstrakten, philosophischen Kategorien, die einer strengeren Prüfung einfach nicht standhalten: Schmetterlingseffekt, Geschichte, Psychologie, Autoaggression, Postmoderne, Archäologie, visuelle Täuschungen, Mustererkennung, Zeit und Anzugsvorteil, ja sogar der Schachbegriff als solcher sind unsauber, oberflächlich oder falsch gefasst. Zum Beispiel werden wir mit folgenden Sätzen konfrontiert: "Die Zahl der möglichen Schachstellungenübersteigt die Zahl der Atome im Universum um ein Vielfaches. Schachpartien sind deshalb Unikate. Umso erstaunlicher ist es, dass dennoch selbst im Endspiel oder tiefen Mittelspiel Stellungsübereinstimmungen zwischen Partien beobachtet werden“(46). Erstens sind viele Schachpartien keine Unikate. Zweitens hat die Zahl der möglichen Schachstellungen mit den tatsächlichen nichts zu tun, da sinnlos. Und drittens wird das alles entscheidende psychologische Moment ausgeblendet. Wenn nämlich Menschen gegeneinander spielen, gelten Humangesetze und keine "universellen“. Man könnte also umgekehrt behaupten: Wenn man das Schach als menschliche Auseinandersetzung betrachtet, dann ist es erstaunlich, dass nur so wenige Stellungsübereinstimmungen zu finden sind; aber auch das nur, weil selbst die größte Datenbank nur einen Bruchteil der je gespielten Partien enthält (laut Hesse gibt es derzeit 200 Millionen aktive Schachspieler, ausgewertet werden aber nur 2 bis 8 Millionen Partien) ...

Kurz und gut: "Expeditionen in die Schachwelt“ ist ein oberflächliches Grundlagenwerk. Man wird an ihm in Zukunft schwerlich vorbei kommen. Gleichwohl ist der Forschungsbeitrag überschaubar - zu viele waren wohl schon dort, im Schachland, die mitähnlichen Mitteln geforscht haben. Man bräuchte eine neue Optik oder Methode, um wirklich Neues herauszuholen. Das gelingt dem jung-dynamischen und sympathischen Professor nur in jenen Gegenden, die sich seinem mathematisch geschulten Blick präsentieren. Neuland wurde andererseits kaum gewonnen, alte Eroberungen wurden lediglich leidenschaftlich rekognisziert.

Die finale Kaufempfehlung kann dennoch nicht ausbleiben, aber vielleicht tut man auch gut daran, auf eine zweite, wesentlich verbesserte Ausgabe zu warten.

Jörg Seidel, Fernschachpost 1/2007